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Ernst und Herbert Leuninger
Verleihung des Walter-Dirks-Preises (Text
mit Grafik)
am 26.4.1998 in der St. Gallus-Kirche Frankfurt/M.
Unser Dank
HERBERT
Wir wurden im Dual geehrt, so möchten wir uns in Stereo bedanken
für dir große Ehre. D.h. wir werden nun nicht gleichzeitig
sprechen, sondern einen Dialog führen. Das haben wir bei anderer
Gelegenheit auch schon getan, vor allem in der Form der Dialogpredigt.
Dabei fiel mir immer der existentielle Ansatz zu, während mein Bruder
eher für die Theoriebildung und Exegese zuständig war.
ERNST
Ich bin natürlich sehr stolz darauf, mit meinem älteren Bruder
zusammen geehrt zu werden. Obwohl er nur 13 Monate vor mir geboren wurde,
hat er immer großen Wert auf den biografischen Vorrang gelegt, fast
wie im Alten Testament.
HERBERT
Im letzten Jahr ist ein Buch erschienen "Der Rebell der Familie,
Geschwisterrivalität". Darin wird die Geburtenfolge als der
zuverlässigste Indikator für revolutionäres Engagement
herausgestellt. Im Vergleich zu Erstgeborenen identifizierten sich Spätergeborene
eher mit sozial Benachteiligten und seien in höherem Maße bereit,
die herrschende Ordnung in Frage zu stellen. Erstgeborene neigten hingegen
dazu, den Status quo zu verteidigen. Nun sind wir ja beide Spätergeborene.
Die Erstgeborene ist unsere Schwester Johanna.
ERNST
-
Jetzt außer der Reihe; das steht nicht im Manuskript: Meine Schwester
und ich hatten etwas gemeinsam. Wir haben unheimlich gerne Kirmes gefeiert.
Das war für mich auf dem Weg zum Priestertum das größte
Hindernis. Meine Feierfreudigkeit. Während mein Bruder eigentlich,
würde ich sagen, schon mit dem Birett auf die Welt gekommen ist.-
Wir haben es hier mit dem typischen Fall der Falsifizierung von Theorien
zu tun. Denn wenn unsere Schwester etwas von uns unterscheidet, dann ist
es ihre feministische Einstellung. Hier haben wir beide sehr viel von
ihr gelernt, zugestandenermaßen recht spät. Sie hat uns nämlich
mit einen erheblichen Schub in Sachen Feminismus versehen. Ich habe das
z.B. umgesetzt in meinem Einsatz für eine Frauenbeauftragte. Meine
langjährige(über 26 Jahre) Mitarbeiterin Frau Rompel, der ich
sehr viel verdanke, wurde dann die erste Beauftragte für Frauenförderung
in einem deutschen Bistum.
HERBERT
Als mir Pfr. Nieten mitteilte, daß wir den Walter-Dirks-Preis erhalten
würden, habe ich dies als hommage an unsere Familie, oder genauer
gesagt an unsere Westerwälder Großfamilien und zwar väterlicher-
und mütterlicherseits betrachtet. Die Familie unseres Vaters, das
waren 9 Geschwister. Von dieser Seite haben wir sicher - wie bereits erwähnt
- den sozial-politischen Drive erhalten. Wir müssen aber auch die
Familie unserer Mutter nennen.
ERNST
Unsere Mutter hatte noch sechs Geschwister. Die große Familie lebte
auf engstem Raum (Wir haben nach unserer Flucht aus Köln dort zusammen
mit dem 90jährigen Großvater gewohnt). Zu ihren eigenen Kindern
haben die Großeltern noch drei Verwandte aufgenommen, die verwaist
waren, zwei aus Straßburg und einen Neffen aus Hamburg. Je länger
ich darüber nachdenke, um so größer wird mein Respekt
vor dieser menschlichen Haltung.
HERBERT
Wir haben von dieser Seite vielleicht auch das besondere Verständnis
für Migration. So war der Großvater Gastarbeiter in der Schweiz
und Butler eines spleenigen Engländers in Italien. Meine Mutter und
zwei ihrer Schwestern arbeiteten als Gastarbeiterinnen in holländischen
Haushalten. Sie haben von dort Gulden heimgeschickt, die härter waren
als es der Euro je werden kann. Die jüngste Schwester meiner Mutter
ist mit ihrem Mann in die USA emigriert, ebenso zwei der in die Familie
aufgenommenen Kinder. Eine Migrantenfamilie also, wie sie nicht im Buch
steht.
Erst jetzt denken wir darüber nach, was das für uns bedeutet
haben könnte. Ich freue mich, daß ich das hier und bei dieser
Gelegenheit aussprechen darf.
ERNST
Walter Dirks mußte uns also sehr nahe liegen! Ich habe mich mit
seiner Person im Zusammenhang mit der Entstehung von kath. Erwachsenenbildung
in Frankfurt nach dem Krieg auseinandergesetzt. "Gottes Reich im
armen Volk der Deutschen", das war einer seiner Gedanken damals 1945.
Hier wird sein Thema deutlich, das auch uns nicht losläßt:
Die Herausforderung, die die soziale Ungerechtigkeit im Angesichte Gottes
für uns bedeutet.
HERBERT
Die Frankfurter Hefte haben mich nachhaltig beeinflußt. Ihr Ende
stürzte mich in große Trauer, ich glaube, ich habe bei Erhalt
der letzten Nummer geweint. Mein Mitarbeiterin wußte sich mit ihrem
phänomenalen Gedächtnis noch daran zu erinnern, daß ich
bereit gewesen sei, mich finanziell an einer möglichen Weiterführung
zu beteiligen. Frau Leder, die ich mir ihrem Mann herzlich begrüße,
arbeitet übrigens im 25. Jahr mit mir zusammen. Sie hat alle Höhen
und Tiefen miterlebt. Das war manchmal gefährlich, briefbomben-gefährlich.
Sie sollte sich heute in besonderer Weise mitgeehrt fühlen! (starker
Beifall)
ERNST
Nun unser Dank an die Preisgeber.
Hier sei vor allem Herrn Pfarrer Nieten für seinen
unermüdlichen Einsatz eigens genannt. Wer schon mal irgend etwas
organisiert hat und sieht, wie das hier organisiert ist, der weiß,
daß das bis über die Grenzen der Kräfte gegangen ist.
Franzwalter, Du hast sicher einige Tage Urlaub verdient, um mit den Füßen
wieder auf den Boden zu kommen. Herzlichen Dank, und dieser Dank geht
auch an das Kuratorium. daß
es uns die große Ehre hat zuteil werden lassen. Wir werden uns bemühen,
auch künftig die damit gemachte Aussage zu bestätigen.
Ich danke weiterhin dem Laudator, Roderich Reifenrath. Im Gegensatz zu
meinem Bruder habe ich etwas näher an die Lahn gebaut. Es hat mir
schon die Tränen in die Augen getrieben; ich finde es faszinierend,
wenn man das Leben einmal so gespiegelt bekommt. Jene Szene im Lager von
Eschborn-Schwalbach steht mir heute noch vor Augen, wie ich mit all meiner
Klugheit versucht habe, meinen Bruder aus dem Lager herauszuholen, und
totalen Schiffbruch erlitten habe.
Herrliche Dinge, die wir miteinander erlebt haben, dazu gehören auch
unsere gemeinsamen Diskussionen über all diese Fragen..
Ich danke für die eindrucksvolle Gottesdienstgestaltung. Eigentlich
hat sie uns beide zurück versetzt in die Zeit kurz nach dem Konzil,
als wir hier in Frankfurt Jugendkapläne waren. Es sind Jugendleiterinnen
aus der Pfarrei hier, in der ich damals tätig war, eine faszinierende
Zeit, diese Frankfurter Zeit, die uns in vieler Hinsicht geprägt
hat. Als wir die Musik hörten, war es, als seien über 30 Jahre
gar nicht vergangen. Herzlichen Dank, auch den beiden Musikern für
die ausgezeichnete Aufführung.
Aber auch einen
besonderen Dank an alle, die in der Vor- und Nachbereitung, vor und hinter
den Kulissen, gearbeitet haben. Sie sollten bei unserem Dank nicht vergessen
sein.
HERBERT
Herr Ministerpräsident
Hans Eichel, Ihre Anwesenheit und Ihre Worte sind für uns eine sehr
große Ehre. Von unserem Namen her waren wir ja vielleicht für
Sie immer ziemlich unverdächtige Funktionäre der Kirche. Wir
bewerten, wenn wir das dürfen, Ihre Anwesenheit als Ausdruck großer
Erwartungen, die Sie in der Politik an den sozialen, den sozialpolitischen
Einsatz der Kirche haben.
Herr Bürgermeister
Joachim Vandreike, wir danken Ihnen für die anerkennenden Worte.
Frankfurt, so haben Sie es auch dargelegt, ist für uns von Anfang
an, als wir als junge Priester hierher kamen, die Stadt besonderer sozialer,
politischer und auch kirchlicher Auseinandersetzungen gewesen und geblieben.
Hier haben wir den Aufbruch der Kirche zu den Menschen erlebt, wovon wir
bis heute einfach nicht lassen können.
Und so, lieber Herr
Bischof Franz Kamphaus, haben Sie uns ja dann auch immer genommen. Wir
durften bei unserem manchmal unkonventionellen sozialpolitischen Engagement
letztlich immer auf Ihre Zustimmung und Unterstützung rechnen. Ohne
Sie wäre das nicht möglich gewesen.
Meine Damen und
Herren, bei der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates,
Andreas Frick, ist mir über die genannten Persönlichkeiten hinaus
geradezu demütigend deutlich geworden, wer alles heute hier ist.
Ich bin fast von der Bank gerutscht. Aber es war auch großartig,
mit Ihnen allen, und ich denke, das kann ich auch für meinen Bruder
sagen, mit Ihnen allen, die Sie hier sind und mit uns zusammen gearbeitet
haben, zusammen zu arbeiten.
Und so danken wir Ihnen für
Ihre Anwesenheit und sehen darin eine moralische Unterstützung unserer
Arbeit.
ERNST
Walter Dirks regt 1945 die Gründung von Lesestuben und Suppenküchen
an, um der geistigen und körperlichen Not zu steuern. Ich unterstütze
in Bosnien eine Suppenküche. Die Not in diesem Land, vor allem auf
dem verwüsteten Land - unserer politischen Besucher sehen ja meist
nur die Städte- ist für uns einfach unvorstellbar. Jetzt wird
in Novi Travnik eine Lesestube aufgebaut, dort möchte ich meinen
Anteil des Preisgeldes einbringen.
HERBERT
Ich wollte meinen Anteil für Suppenküchen verwenden, allerdings
hier. Und zwar für den Fall, daß der Bundestag gemäß
einer Berliner Gesetzesinitiative im Bundesrat ein Gesetz verabschieden
sollte, nach dem Sozialleistungen für bestimmte Gruppen abgelehnter
Asylbewerber gestrichen werden. Es geht darum - wie PRO ASYL es formuliert
hat - durch Aushungern Menschen zur Ausreise zu zwingen. Sollte das Gesetz,
dem Hessen wie andere grün-rot regierte Länder bisher die Zustimmung
versagt haben, in Kraft treten, kommt auf die Kirchen und Wohlfahrtsverbände
sicher die Aufgabe zu Suppenküchen einzurichten.
Ich hoffe allerdings, daß Sie Herr Ministerpräsident sich durch
die Kritik sogar von der christlich-demokratischen Arbeitnehmerschaft
Hessens nicht in ihrer ablehnenden Haltung beirren lassen.
Sollte es nicht zu dem Gesetz kommen, dann steht das Geld für die
von ERNST
unterstützte Suppenküche in Bosnien zur Verfügung.
ERNST
Wir möchten durch diese Verwendung des Preisgeldes Walter Dirks unsere
Reverenz erweisen.
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