Gedenkfeier für Franz Leuninger 1. März 1995 Die Sammlung der Texte wurde erstellt von Ernst Leuninger Limburg 1996 Inhaltsverzeichnis Vorwort Ansprache zum Gedenkgottesdienst Franz Leuninger Ablauf der Gedenkfeier für Franz Leuninger Gespräch von Schülern der 4. Klasse Unser Vater - Erinnerungen auf heute befragt Grußwort Landrat Dr. Manfred Fluck Grußwort Gert Lütgert (MdL) Schlußwort Bürgermeister Robert Becker: Nachwort Vorwort Am 1. März 1995 jährte sich zum fünfzigsten Mal der Tag der Hinrichtung von Franz Leuninger. Aus Überzeugung ist er im Dritten Reich in den Widerstand gegangen. Dafür hat er sein Leben geopfert. Wir gedenken in großem Respekt dieser Per- sönlichkeit aus Mengerskirchen. Die Generation der Alterskameradinnen und -kameraden ist in- zwischen gestorben. Viele Erinnerungen an das damalige Ge- schehen sind mit ihnen ins Grab gesunken. Die nachwachsende Generation, die Franz Leuninger noch gekannt haben, wird älter. Die Erinnerung an ihn darf aber nicht abbrechen. Die Schule in Mengerskirchen ist nach Franz Leuninger benannt. Das trägt zum Fortleben der Erinnerung an ihn bei. Der Tag des Gedenkens am 1. März 1995 sollte Vergangenheit lebendig werden lassen und so Geschichte an die Generation weitergeben, die die schrecklichen Erfahrungen von vor 1945 nicht gemacht hat. Diese Erfahrungen müssen lebendig bleiben, damit sich solch ungeheuerliche Dinge, wie sie damals in unserem Land geschehen sind, nicht nochmals wiederholen. Limburg, im Juli 1996 Ernst Leuninger Ansprache zum Gedenkgottesdienst Franz Leuninger in der Pfarrkirche zu Mengerskirchen, Aschermittwoch 1995 Dr. Ernst Leuninger Lesung aus dem Propheten Joel (2,12-18) 12 Auch jetzt noch - Spruch des Herrn: Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen. 13 Zerreißt eu- re Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum Herrn, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte, und es reut ihn, daß er das Unheil verhängt hat. 14 Vielleicht kehrt er um, und es reut ihn, und er läßt Segen zu- rück, so daß ihr Speise- und Trankopfer darbringen könnt für den Herrn, euren Gott. 15 Auf dem Zion stoßt in das Horn, ordnet ein heiliges Fasten an, ruft einen Gottesdienst aus! 16 Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde! Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säuglinge! Der Bräutigam verlasse seine Kammer und die Braut ihr Gemach. 17 Zwischen Vorhalle und Altar sollen die Priester klagen, die Diener des Herrn sollen sprechen: Hab Mitleid, Herr, mit dei- nem Volk, und überlaß dein Erbe nicht der Schande, damit die Völker nicht über uns spotten. Warum soll man bei den Völkern sagen: Wo ist denn ihr Gott? 18 Da erwachte im Herrn die Lei- denschaft für sein Land, und er hatte Erbarmen mit seinem Volk. Ansprache Warum soll man bei den Völkern sagen: Wo ist denn ihr Gott? So hörte die Lesung des Propheten Joel auf. Ist das nicht die Klage Israels, ist das nicht die Klage der Juden im Dritten Reich in Auschwitz: Wo ist denn unser Gott. Hat Gott sich von der Geschichte abgewandt und die Menschen sich selbst überlassen? Was dabei herauskommt, das haben wir erfahren. Der führende Offizier des Heeres sprach kurz vor Beginn des Zweiten Welt- krieges von einem Blutrausch Hitlers, den er stoppen müsse. Er wurde erst gestoppt, als 40-60 Millionen Menschen ihr Blut vergossen hatten. Die Frage geht aber zuerst an unser Volk. Wo war denn unser Gott? Steht am Anfang dieses Geschehens nicht eine schreckliche Gottverlassenheit eines Volkes, das sich einmal christlich nannte? Unser Glaube lehrt uns, daß Gott in solchen Situationen bei den Opfern ist, daß er in jedem neu stirbt, daß das Kreuz seines Sohnes kein Ende hat. Wo aber war Gott bei den anderen? Es gab Menschen, die wußten und ahnten, was Entsetzliches da gespielt wurde. Der Polenfeldzug hatte das Wüten und sinnlose Morden der nationalsozialistischen Banden schon deutlich ge- macht. Sie fühlten sich in ihrem Gewissen angesprochen, zu handeln. „Aufstand des Gewissens“, wird der Widerstand auch oft genannt. Was für uns so selbstverständlich erscheint, das waren ganz schwierige Auseinandersetzungen. Noch nie in der Moderne hatte es dies gegeben, daß sich das Gewissen so grundsätzlich gegen die Staatsmacht auflehnen mußte. Wo blieb da der Halt? Wo endete die Gratwanderung zwischen Märtyrer des Gewissens und Landesverräter? So sahen es ja die demo- kratischen Nachbarregierungen, die sich einfach aus ihrem Staatsverständnis so etwas nicht vorstellen konnten und vor allem deshalb dem Widerstand jede Unterstützung versagten. Sie waren allein auf ihren Gewissensentscheid gestellt. Auch in der Frage, die unterschiedlich beantwortet wurde: „Darf der Hauptschuldige für ein solches Massenmorden mit Gewalt beseitigt werden?“ Viele von ihnen, so auch Franz Leuninger, standen zu ihrem Glauben an Gott. Wir haben eben in der Lesung des Evangeliums den Text in Matthäus gehört: „Nicht jeder, der zu mir sagt Herr, Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern nur, wer den Willen meines Vaters im Himmel erfüllt. Darum geht es und um den Satz: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Gott war ihr eigentlicher Gesprächspartner. Viele von ihnen gingen von dem Glauben aus, daß über dem Menschen noch eine letzte Instanz stehe. Darauf beriefen sie sich auch im Prozeß vor dem Volksgerichtshof. Darin bestand ihre Ehre, während die Welt mit Fingern auf sie zeigte und die Alliierten Generäle aus dem Widerstand bewußt länger in Gefangenschaft hielten, weil sie diese für gefährlicher hielten als die Mitläufer und Täter. Es war nie leicht, sich in entscheidenden Momenten seines Lebens gegen die Staatsgewalt auf sein Gewissen und Gott zu berufen. Gewissen und Menschenwürde stehen über der staatlichen Ge- walt. So haben es auch die Christen unter den Widerständskämpfern verstanden. In seinem letzten Brief schreibt Franz Leuninger, damals 46 Jahre: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht wird es schon richtig sein.“ Von hierher bekamen sie die Kraft für ihr Leben im Widerstand, von hierher bekam Franz Leuninger die Kraft. Ein Mitgefangener sagte: „Er hat die letzten Wochen seines Lebens wie ein Heiliger gelebt.“ Nach Aussagen des Gefängnispfarrers hat er mit dem Gesang des großen Lobliedes der Kirche sein Leben beendet, eines Liedes von dem er wußte, daß es nur bei ganz feierlichen Anlässen gesungen wird: „Großer Gott wir loben dich!“ Ablauf der Gedenkfeier für Franz Leuninger im Schloß Mengerskirchen am 1. März 1995 um 11.00 Uhr Lied der Schulkinder Begrüßung: Schulleiter Toni Bäcker Spiel der Kinder Johann Sebastian Bach, Air, B-dur Suite Unser Vater (Walter Leuninger) I stood on the river of Jordan - Spiritual Erinnerungen auf heute befragt (Herbert und Ernst Leuninger) Oskar Peterson - Hymn to freedom Grußworte: - Landrat Dr. Manfred Fluck - DGB-Hessen: Gert Lütgert Schlußwort: Bürgermeister Robert Becker Es musiziert eine Musikgruppe der Westerwaldschule: Fünf Flöten, drei Klarinetten, zwei Tasteninstrumente, ein Baß Im Anschluß an die Feier ist zu einer Stärkung eingeladen Begrüßung: Rektor Bäcker, Franz-Leuninger-Schule Mengerskirchen Meine sehr geehrten Damen und Herren, in einem geplanten Aufruf Stauffenbergs sind folgende Sätze zu lesen: „Unser Ziel ist die Wahrung auf Achtung, Hilfsbereitschaft und soziale Gerechtigkeit gegründete Gemeinschaft des Volkes. Wir wollen Gottesfurcht anstelle von Selbstvergottung. Recht und Freiheit anstelle von Gewalt und Terror, Wahrheit und Sauber- keit anstelle von Lüge und Eigennutz. Wir wollen unsere Ehre und damit unser Ansehen in der Gemeinschaft der Völker wie- derherstellen. Wir wollen mit besten Kräften dazu beitragen, die Wunden zu heilen, die dieser Krieg allen Völkern geschlagen hat und das Vertrauen zwischen ihnen wieder neu beleben. Dies, meine Damen und Herren, ist das Vermächtnis, das uns die Widerstandskämpfer, unter ihnen Franz Leuninger, hinterlassen haben. Im Namen der Familie Leuninger, der Gemeinde Mengerskirchen und der Franz-Leuninger-Schule, begrüße ich Sie alle recht herzlich zu dieser Feierstunde, in der wir des Widerstands- kämpfers Franz Leuninger gedenken möchten, der sein mutiges Auftreten für Freiheit, Menschenrechte und Demokratie am 1. März 1945 mit seinem Leben bezahlt hat. Ich bitte um Verständnis, wenn ich von den vielen geladenen Ehrengästen nur einige namentlich begrüßen kann. Stellvertretend für das Land Hessen begrüße ich den Fraktions- vorsitzenden der SPD im Hessischen Landtag, Herrn Armin Clauss und den CDU Landtagsabgeordneten, Herrn Karlheinz Weimar. Für den Landkreis Limburg-Weilburg begrüße ich Herrn Landrat Dr. Manfred Fluck, und für die Schulaufsicht Frau Schulamtsdirektorin Ingrid Pleinötter. Als Stellvertreter der Heimatgemeinde Franz Leuningers, begrüße ich Herrn Bür- germeister Robert Becker. Stellvertretend für die katholische und evangelische Kirche heiße ich Herrn Bezirksdekan Alois Staudt und Herrn Pfarrer Ohlemacher willkommen. Mein Gruß gilt ebenso dem stellvertretenden Landesvorsitzenden des DGB, Herrn Gerd Lütgert. Ich freue mich, ebenfalls meinen Vorgänger, Herrn Rektor Horz, den ersten Schulleiter der Franz Leuninger Schule, begrüßen zu können. Besonders herzlich aber begrüße ich die beiden Söhne Franz Leuningers, die Herren Walter und Herbert Leuninger sowie alle Anverwandten und Freunde der Familie. Ich freue mich über das Interesse von Rundfunk und Presse an dieser Feierstunde und begrüße deren Vertreter. Zum Glück, meine Damen und Herren, leben wir heute in einer ganz anderen Zeit, als vor 50 Jahren. Die Mittel zum Protestieren sind rechtlich abgesichert und nahezu unbegrenzt. Aber die Anforderungen an ein verantwortungsbewußtes Leben gelten heute wie damals. Wachsamkeit ist immer angesagt. Dies gilt besonders für die Schulen, denen nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch die Gewissensbildung ihrer Schüler aufgetragen ist. Als Leiter der Franz-Leuninger-Schule habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir den neun- und zehn-jährigen Kindern bereits klarmachen können, was Widerstand bedeutet und was ein Wider- standskämpfer ist. In einem kurzen Gespräch versuchen nun Schüler der 4. Klasse dies ihren Alterskameraden klarzumachen. Gespräch von Schülern der 4. Klasse „Hallo Michael, hallo Sarah, grüß Dich Nadine, seid ihr auch froh, daß Boris hier zum Klassensprecher gewählt worden ist.“ „Ich freue mich darüber, denn Boris bemüht sich immer, daß kein Streit in der Klasse entsteht.“ „Ja, er hatte auch zu Swenja gehalten, als sie die Malaufgaben noch nicht richtig begriffen hatte.“ „Mein Opa hat gesagt, daß er es gut findet, wenn wir in der Schule schon in freier und geheimer Wahl unsere Klassenspre- cher wählen können. Bei denen hat es das früher nicht gegeben. Sie konnten ihre Politiker noch nicht einmal frei wählen.“ „Sind unser Bundeskanzler und unsere Regierung denn nicht frei gewählt worden?“ „Doch, meine Eltern haben mir von der letzten Wahl erzählt. Da geht jeder in eine Einzelkabine und kreuzt die Person oder Partei an, die er für die beste hält. In der Zeit des letzten Weltkrieges war das in Deutschland nicht so. Da durfte man noch nicht einmal wagen, etwas gegen den damaligen Kanzler, der Adolf Hitler hieß, zu sagen.“ „Ja, Hitler hat damals viele Menschen in die Gefängnisse stek- ken oder sie sogar zum Tode verurteilen lassen. Nur weil sie gesagt haben, daß er an dem schlimmen Weltkrieg schuld sei.“ „Mein Opa ist auch im Krieg gefallen. Meine Oma weint immer, wenn sie vom Opa spricht. Der war nämlich erst 28 Jahre alt, als er im Krieg erschossen wurde.“ „Stell’ Dir mal vor, das wäre heute noch so. Meine Eltern ha- ben schon oft auf die Regierung geschimpft. Wenn das heute noch so wäre, dann säßen meine Eltern jetzt vielleicht auch schon im Gefängnis.“ „Wir kritisieren in der Schule ja auch unsere Lehrer und werden trotzdem nicht bestraft.“ „Wenn ich etwas nicht richtig finde, dann kann ich einfach den Mund nicht halten. Da muß ich etwas sagen, egal vor wem das ist.“ „Hat denn früher niemand gewagt, dafür zu sorgen, daß ein so schlechter Kanzler wie Adolf Hitler in seinem Amt zurücktreten mußte?“ „Doch, ich weiß von einem. Der hat als Kind sogar hier in Mengerskirchen gewohnt. Er hieß Franz Leuninger.“ „Franz Leuninger? Du bist ja verrückt, so heißt doch unsere Schule.“ „Ja, nach dem ist doch unsere Schule benannt worden. Franz Leuninger war ein Widerstandskämpfer.“ „Widerstandskämpfer? Was ist das denn?“ „Meine Mama hat mir das mal erklärt. Franz Leuninger hat mit vielen anderen Männern und Frauen versucht, die Unge- rechtigkeiten und Grausamkeiten, die Hitler gemacht hat, den Menschen zu erzählen und Hitler in seinem Amt zu stürzen. Wenn ihnen das gelungen wäre, dann hätten Millionen von Menschen ihr Leben nicht im Krieg lassen müssen. Am 20. Juli 1944 sollte Hitler sogar durch eine Bombe umgebracht wer- den. Die Bombe ist damals zwar explodiert, aber Hitler wurde nur leicht verletzt. Hitler hatte alle Menschen, die von dem Bombenanschlag wußten, hinrichten lassen. Und zu diesen Leuten gehörte auch Franz Leuninger, und das sind heute, am 1. März, genau 50 Jahre her.“ „Das tut mir aber leid für die armen Menschen, die damals im Krieg erschossen wurden. Trotzdem müssen wir froh sein, daß es immer wieder Menschen gibt, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen.“ „Was haben wir es doch so gut. In unserem Land gibt es keinen Krieg mehr, und wir können unsere Sprecher und Regierungen frei wählen und dürfen alles sagen, was wir denken.“ „Ich glaube, soviel Mut wie die Widerstandskämpfer hätte ich nicht gehabt.“ Alle: „Ich auch nicht.“ Bild von der Feier einfügen Unser Vater - Walter Leuniger Sehr geehrte Gäste, liebe Mengerskircher Bürger, liebe Kolleginnen und Kollegen und Kinder der Franz-Leuninger- Schule, heute vor 50 Jahren, es ist bereits angesprochen worden, ist mein Vater gestorben. Trauer und Zorn darüber sind in diesem langen Zeitraum all- mählich verflogen und einem anderen Gefühl gewichen. Heute, ich muß es sagen, bewegt mich in erster Linie der Stolz, daß ich einen solchen Vater gehabt habe. Ich habe deshalb nicht die Ab- sicht, hier jetzt eine Trauerrede zu halten. Ein halbes Jahrhundert ist es ja nun schon her. Es könnte also sein, daß ich in meinem Gespräch mit Ihnen etwas profaner bin, als der ursprüngliche Anlaß es eigentlich hergibt. Mein Vater ist am 28.12.1898 in Mengerskirchen geboren. Er hat hier geheiratet. Seine Frau, unsere Mutter, stammte auch aus Mengerskirchen. Er ist, wie man leicht nachrechnen kann, im 47. Lebensjahr gestorben. Ich möchte Ihnen nun ein Bild davon machen, wie mein Vater war, wie ich ihn erlebt habe. Meine Erinnerung an ihn beginnt Anfang der 30er Jahre in Breslau. Ich selbst bin nicht in Breslau geboren, sondern in Krefeld. Wenn ich mich erinnere an die Zeit, die ich mit meinen Eltern bewußt erlebt habe, kann ich zunächst einmal nur sagen, wir waren eine völlig normale Familie. Wir waren drei Brüder, der älteste, Franz, nach meinem Vater benannt, ist im April 1945, also noch nach dem Tode meines Vaters, bei Aschaffenburg gefallen. Wir haben das erst knapp zwei Jahre nach seinem Tod erfahren, denn damals ging es ja drunter und drüber in Deutschland. Ich bin der zweite, Walter, und der dritte, mein Bruder Herbert, sitzt hier vor mir. Wir haben in unserer Familie eine wirklich friedliche und ange- nehme Atmosphäre gehabt. Das war wohl in erster Linie darauf zurückzuführen, daß meine Eltern sich ausgezeichnet verstanden haben, obwohl beide mit genügend Temperament gesegnet waren. Vor allen Dingen mein Vater. Er war wohl ausgeglichen, aber er konnte auch sehr temperamentvoll sein. Er war ein treu- sorgender Familienvater. Er hat uns zu jederzeit, auch noch im Krieg sehr gut versorgt, so lange er die Gelegenheit dazu hatte. Ein Ausbund an Geduld war er nicht. Er war ein Vater, wie man sich ihn eigentlich wünschen sollte. Er war in seiner Normalität als Ehemann und Vater, meine ich, ein Vorbild, weil er so normal war. Wissen Sie, man kriegt ja doch heute im Fernsehen die Väter vorgeführt. Ich erinnere nur mal an das ganz krasse Beispiel „Bill Cosby“ mit seiner Serie. Sicher kennen ihn alle Kinder. Also so einer war er sicher nicht. Das wäre auch zuviel verlangt gewesen. So Väter gibt es gar nicht. Er war also ein ausgesprochen lieber und fröhlicher Mann und sehr sangesfreudig. Überall wo er hinkam, war er beliebt, weil er schlagfertig war und mit intelligenten Witzchen aufwarten konnte. Er hatte für fast alle Probleme, mit denen wir zu ihn kamen, eine Lösung parat. Hilfsbereitschaft war eine hervorstechende Eigenschaft. Ich kann mich erinnern, wir haben in den 30er Jahren das ein- oder anderemal Urlaub an der Ostsee gemacht. Da habe ich also mit großen Augen seine Hilfsbereitschaft miterlebt, wie wir im Was- ser gebadet haben, darin geplätschert haben - nebenbei, mein Vater war kein guter Schwimmer - woher sollte er das auch sein. 1898 geboren, zu diesen Zeiten damals war es durchaus unüblich, in den Seeweiher hier baden zu gehen. Da gab’s kaum jemanden in Mengerskirchen, der schwimmen konnte. Aber er konnte es wohl, wie er es sich beigebracht hat, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich gesehen, daß ein Mann im Wasser stand, mit dem Gesicht zum Ufer. Das Wasser stand ihm bis zum Kinn, und er fing auf einmal an, um sich zu schlagen und um Hilfe zu rufen. Mein Vater war in der Nähe. Wir waren da am plantschen, wie gesagt. Der Mann hatte durch die Tragfähigkeit des Wasser, und weil er sich zu weit hinausgewagt hatte ohne schwimmen zu können, den Boden unter den Füßen verloren. Da gerät ja ein Nichtschwimmer in Panik. Vater ist hingeschwommen - ich habe das ganz genau in Erinnerung - jetzt wo ich Ihnen das erzähle. Er ist nicht von vorne an den Mann heran, sondern von hinten, weil er wußte, es gibt unter Umständen ein Dilemma für sie beide, für den in Not geratenen als auch für meinen Vater, weil der halt auch nicht schwimmen konnte. Dann hat er mit sanften Bewegungen und mit entsprechend gutem Zureden, den Mann so zwei, drei Meter nach dem Strand zu bugsiert und damit war die Sache ausgestanden. Ich hab damals große Augen gemacht und im Nachhinein darüber nachgedacht, wie auf der einen Seite das Risiko bedacht worden war, aber auf der anderen Seite die Übersicht behalten wurde. Das waren hervorstechende Eigenschaften, die mein Vater gehabt hat. Wir waren drei Buben. Mein Vater hatte aufgrund seiner Her- kunft und seiner Entwicklung, kaum die Chance, eine gehobene Schulausbildung zu bekommen. Er hat wohl, wie man in Men- gerskirchen sagt, in der Schule immer in der ersten Reihe geses- sen. Die Kinder wurden ja in diesen Jahren nach ihrem Lei- stungsvermögen gesetzt. Also die Besten saßen vorne und die Schlechtesten saßen hinten. Heute macht man es wahrscheinlich - wenn überhaupt - umgekehrt. Wir Buben sind alle drei nacheinander auf’s Gymnasium gegan- gen. Mit unterschiedlichem Erfolg muß ich zugeben. Vater war sehr stolz darauf, daß wir alle auf’s Gymnasium gingen, und er hat gerne zugehört, wenn wir Hausaufgaben machten. Besonders Latein hat ihn beeindruckt. Eines Tages fragte er mich: „Weißt Du, was ein ,Asinus in Quadratus’ ist?“ Ich war zunächst einmal verblüfft, weil ich ja wußte, daß er Latein nicht konnte. Da sagte er zu mir: „Ich sage es Dir, das ist ein Quadratesel. Sieh zu, daß Du keiner wirst.“ Ein anderes Mal, seine Vorliebe für Latein ließ sich wohl damit erklären, daß ihn die Sprache doch sehr beeindruckt hat - sagte er: „Weißt du, ich erzähl’ Dir das mal, wie der Pfarrer brevier- betender Weise durch die Felder geht. Es ist also nicht historisch hier in Mengerskirchen passiert, sondern sonst irgendwo anders. Er kommt also auf einer Wiese vorbei, auf der der Bauer steht mit der Sense seine Wiese mäht. Da sagt der Pfarrer im Vorbeigehen: „Ora et labora“. „Ja, ja Herr Pfarrer“, sagt der Bauer. Der Pfarrer geht weiter. Nach einer Zeit kommt er wieder zurück, und da sitzt der Bauer am Feldrain und macht gar nichts. „Hallo“, sagt der Pfarrer, „Nix mehr ora et labora“? „Nein“, sagt der Bauer „Sensuum defectui“. (Hinweis: Er bezog sich hier auf ein altes lateinisches Kirchenlied, das mit einer Sense nichts zu tun hatte). Sehen Sie, über solche Sachen konnte er sich amüsieren, daß einem das Herz aufging. Er war wirklich ein lebensfroher Mensch, dies möchte ich hier nochmals betonen. Ausgeprägt war seine Liebe zu Mengerskirchen, seine Heimat- liebe. Es gab für ihn nichts Schöneres, als hier in Mengerskirchen Ferien zu machen. Unsere Mutter war ja davon nicht so sehr begeistert. Wenn wir 5 Personen hier auf dem Damm in Ferien waren, da hatte sie mehr Arbeit als zu Hause. In Breslau hatten wir eine Hausangestellte. In Mengerskirchen mußte sie alles mit der Tante Anna und dem Gotche zusammen selber machen. Wenn mein Vater hier war, dann hat er sich überall reingehängt. Er ist mit aufs Feld gefahren. Er hatte die Sense geschultert, hat gemäht. Eine seiner Leidenschaften war, wenn dann die Himbeerzeit kam, mit uns Buben „in die Himbeeren“ zu gehen. Mit 10 Liter Eimern sind wir losmarschiert. Ein Graus für uns mit kurzen Hosen, wir haben uns die Knie verbrannt an den vielen Brennesseln. Es war für uns immer ein Martyrium, aber es gab keine Gnade. Wir mußten mit. Einmal sollte er einen Hühnerpferch bauen, weil die Glucke Kü- ken hatte. Er hat also seinen Pferch gebaut, und nachdem der fertig war, da konnte sich also das Gotche gar nicht einkriegen, weil der Bau nicht so gut gelungen ist. Es hat dann Probleme mit den kleinen Hühnchen gegeben, die unter dem Zaun durch- geschlupft sind. Über ein besonderes handwerkliches Talent verfügte er also nicht. Mein Vater war ein ausgesprochener Patriot. Ich weiß nicht, ob man das heute noch sagen darf. Heute sagt man ja, er hatte ein ausgeprägtes Nationalbewußtsein, aber er war ein Patriot. Er war stolz darauf Deutscher zu sein, und ich darf Ihnen sagen, ich bin es heute auch noch. Ich muß immer daran denken, daß wir in 50 Jahren nach Ausgang des Krieges in Deutschland doch bewiesen haben, daß wir mit der Nazizeit fertig geworden sind, daß wir sie bewältigt haben, daß wir international eine Position und einen funktionierenden demokratischen Staat bekommen haben, der überall akzeptiert wird. Die Auswüchse, die es heute gibt, sie sind im Griff, denke ich mir, und die gibt es nicht nur in Deutschland, sondern überall. Patriot war er, kein Chauvinist, sondern er hatte einfach ein tiefes Gefühl für seine Heimat, für sein Land. Das wird sicherlich einer der Auslöser für seine spätere aktive Tätigkeit im Widerstand gewesen sein. Ich bin 1927 geboren, das heißt, ich war 1945 18 Jahre alt. Es ist so, daß ich einen Lebenslauf meines Vaters eigentlich nie gesehen habe. Ich kann also auch nur aus seiner Entwicklung berichten, so wie sie mir zugetragen worden ist. Mit 14 Jahren ist er als Bauhilfsarbeiter ins Siegerland gegangen, sein älterer Bruder hat ihn mitgenommen. Dort ist er, weil er sich geschickt angestellt hat, weil er fleißig war, in relativ kurzer Zeit Maurer geworden. Redegewandt und schlagfertig war er immer. Er hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Was lag da näher, als sich den Gewerkschaften zuzuwenden und sich in einer Partei zu engagieren. Das hat er dann auch getan. Er ist Mitglied der Gewerkschaften des „christlichen Bauarbeiterverbandes“, so hieß das damals, geworden und wurde auch Mitglied der Zentrums-Partei. Man kann die Zentrums-Partei als die Vorläuferpartei der heutigen CDU bezeichnen. Mein Vater war politisch sehr interessiert. In relativ kurzer Zeit wirkte sich das dahingehend aus, daß der christliche Bauarbei- terverband ihn gefragt hat, ob er denn nicht hauptamtlich tätig werden wolle. Das hat er dann auch getan, weil es auch seinem Temperament entsprach, seinem Gerechtigkeitssinn für soziale Fragen usw. Er ist dann beruflich tätig gewesen in Trier, in Euskirchen, in Krefeld, wo ich geboren wurde. Dann kam der Zeitpunkt Anfang der 30er Jahre, daß er gefragt wurde, ob er in Niederschlesien als Bezirksleiter tätig sein und dort Aufbauarbeit leisten wolle. Da auch Risikobereitschaft zu seinen Cha- rakteristika gehörte, hat er das natürlich angenommen. Wenn ich mir das so vorstelle, mit Frau und drei Kindern nach Nieder- schlesien zu gehen. Das galt damals in Mengerskirchen noch als polnisch, obwohl es ja nicht der Fall war. In Breslau wurde nur deutsch, hochdeutsch gesprochen. Er ist also dann nach Breslau und hat dort für den christlichen Bauarbeiterverband seine be- rufliche Tätigkeit aufgenommen. Nach wenigen Jahren wurde er, weil er ja Mitglied der Zentrums-Partei geblieben war, in Breslau Stadtverordneter. Für die Reichstagswahlen im März 1933 war er als Reichstagskandidat für die Zentrums-Partei aufgestellt. Aber wir wissen, daß Hitler am 30. Januar 1933 die Macht übernommen hat und sowohl die Zentrums-Partei, die politischen Parteien insgesamt bis auf eine, nämlich die NSDAP, verboten wurden. Auch die Gewerkschaften wurden verboten. Damit war ja seine berufliche Existenz zunächst einmal zerstört. Es hat aber nicht lange gedauert. Ich hatte es ja vorhin schon angesprochen, er war wirklich ein cleverer, intelligenter, rede- gewandter Mann. Er hatte im Rahmen seiner beruflichen Tätig- keit und auch im Rahmen seiner parteipolitischen Betätigung soviel Kontakte geknüpft gehabt, daß es nur kurze Zeit dauerte, bis eine Siedlungsgesellschaft Namens „Deutsches Heim“ in Breslau ihn gefragt hat, ob er nicht zu ihnen in die Geschäfts- leitung eintreten wolle. Das hat er dann getan und wurde dort im Laufe der Jahre zweiter Direktor. Wenn ich mir vorstelle, welche berufliche Entwicklung er genommen hatte, dann muß ich sagen, man kann dies nur hochachtungsvoll registrieren. Aus einem Nobody in Mengerskirchen, wenn ich’s mal so vorsichtig ausdrücken darf, in eine solche Position. Uns gings dann in Breslau gut. Mein Vater hat ein Zweifamili- enhaus gebaut, in dem wir gewohnt haben. Wir hatte ein Auto. Wir drei Buben hatten damals jeder ein Fahrrad. Stellen Sie sich das einmal vor. Damals war das was. Heute werden die Fahrräder für 1.000 DM und mehr gekauft. Aber daß man damals überhaupt eins hatte, das war schon was Besonderes. Ein gemäßigter Wohlstand hat uns das Leben in Breslau sehr angenehm gemacht, bis zu dem Zeitpunkt, als sich der Beginn des Krieges abzeichnete. Mein Vater hat einmal beim Mittagstisch gesagt: „Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist Krieg.“ Und so ist es ja dann auch gekommen. Mein Vater hatte ja Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg. Er ist ja 1917 schon eingezogen worden, also mit knapp 19 Jahren. Bei der Artillerie hat er es zum Unteroffizier gebracht. Dann war der Krieg aus, und als 1939 der nächste begann, war er schon gleich am Anfang mit dabei, ebenfalls wieder bei der Artillerie. Er wurde dort Wachtmeister und Oberwachtmeister und man hatte ihn sogar zum Stabstrompeter befördert. Er hat nie erfahren, was das ist. Wir haben sehr gelacht, als er in Heimaturlaub nach Hause kam. Auch er hat sich darüber sehr amüsiert. Er hat auch noch nie eine Trompete gehabt, aber er war Trompeter geworden. Ich weiß auch nicht, was man sich dabei gedacht hat. Es war halt eine Position, die es dort gegeben hat. Mitte 1940 wurde er unversehrt und vorzeitig vom Militär ent- lassen. Ich kann nicht sagen, warum man ihn entlassen hat. Ge- sundheitliche Gründe kann ich mir eigentlich nicht denken, denn ich habe meinen Vater nie krank erlebt. Er muß wohl u.k. - un- abkömmlich - gestellt worden sein, weil im Zusammenhang mit seiner beruflichen Betätigung innerhalb der Siedlungsgesellschaft Leute gebraucht wurden. Ich kann wirklich nicht sagen, was los war. In dieser Zeit nach der Entlassung aus dem Soldatendasein, be- gannen eigentlich seine wirklichen Aktivitäten im Widerstand. Ich kann mich erinnern, daß er abends fast in dem Radio-Apparat hineingekrochen ist, um BBC London zu hören. Poch, poch, poch...poch, das war das Signal, mit dem sich BBC London gemeldet hat. Sie konnten ja keine Trompetenmusik machen, denn das war ein verbotener Sender. Wer beim Hören erwischt wurde, kam ins KZ. Wir wußten damals, daß der im Oberstock wohnende Mieter ein Polizeimann war. Wir haben immer ein ausgezeichnetes Ver- hältnis zu ihm gehabt. Was wir nicht wußten war, daß er tat- sächlich Mitglied der Gestapo war. Der Mann hat aber mit Si- cherheit mit der Verhaftung unseres Vaters nichts zu tun gehabt. Er ist wohl, als man meinen Vater abgeholt hat, in Breslau in der Wettigen Straße, dabei gewesen, aber er hat sich quasi bei meiner Mutter dafür entschuldigt. Auch ein Zeichen dafür, daß es meinem Vater wohl gelungen war, diesen Mann für sich einzunehmen. Als Vaters Tätigkeit im Widerstand begann, haben wir nichts davon mitbekommen. Ich weiß nur, wir sind zu Familienzu- sammenkünften eingeladen worden. Wir sind dann mit Mann und Maus dahin, und im Laufe des Nachmittags/Spätnachmittags waren auf einmal die Männer verschwunden. Die Frauen und Kinder waren dann unter sich. Heute nehme ich an, daß es da also konspirative Treffs gegeben hat. Aber wir haben von diesen Dingen, das muß ich sagen, sehr wenig mitbekommen; denn es war wohl auch sehr riskant für meinen Vater, sich uns gegenüber zu äußern. Inwieweit meine Mutter eingeweiht war? Nach dem Verhältnis, das ich Ihnen zu Beginn geschildert habe, bin ich überzeugt, daß meine Mutter wußte, um was es ging. Jedenfalls war in diesen Jahren dann, es war 1940/41, der Frohsinn in der Familie, die Fröhlichkeit, das Familienglück dahin. Aus dieser Zeit stammt auch das Foto. Und wenn Sie sich das Foto anschauen, dann sehen Sie, das ist kein fröhlicher Mensch, das ist einer, der unter der Last einer großen Verantwortung leidet, einer, der sich bewußt ist, daß hier etwas läuft, was ihn das Leben kosten kann; daß hier etwas läuft, was dazu führt, oder dazu führen kann, das seine Familie ohne ihn auskommen muß. Was meinen Vater dazu bewogen hat, im Widerstand mitzuma- chen? Ich habe es wohl angesprochen: Sein Gerechtigkeitssinn, die Tatsache - die Schulkinder haben es sehr schön dargestellt - der Unfreiheit der Meinung. Etwas, was ihm kolossal gegen die Natur ging, war die antichristliche Einstellung, die ja nachher zu regelrechten Auswüchsen führte, die Ungerechtigkeit, die vor allen Dingen auch im Zusammenhang mit den Juden praktiziert wurde. All dieses sind Dinge, die Auslöser waren, sich in der Widerstandsbewegung zu aktivieren. Dazu gehört natürlich der Mut, so etwas zu tun. Ganz bewußt sein Leben zu riskieren für die Ideale, die ich vorhin angespro- chen habe. Und das ist es ja, denn ich muß sagen, ich habe mei- nen Vater nie als Helden erlebt. Denken Sie an die Szene an der Ostsee. Ein Held, der wäre da volle Kraft voraus reingesprungen, er war vorsichtig. Seine Entscheidung, sich im Widerstand gegen Hitler und das Naziregime zu engagieren, war eine Entscheidung, die mit Si- cherheit seiner eigentlichen Mentalität widersprach. Aber das ist wahrer Heldenmut: Angst zu haben und es trotzdem zu tun. Das ist das Entscheidende. Meine Damen und Herren, ich sagte, mein Vater sei ein sanges- freudiger Mensch gewesen. Und er hatte ein Lied, das er in den letzten Jahren bei allen möglichen Gelegenheiten gerne gesungen hat. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen eine Strophe dieses Liedes vorsinge. Ich fühle mich eigentlich so ein bißchen verpflichtet in dieser Angelegenheit. Ich bitte die Musikkenner, Nachsicht zu üben. Es geht also nicht nur um die einfache Melodie, das Entscheidende ist der Text: „Alle Tage ist kein Sonntag, alle Tage gibt’s keinen Wein, aber Du sollst alle Tage, recht lieb zu mir sein. Und wenn ich einst tot bin, sollst Du denken an mich, auch am Abend eh’ Du einschläfst, aber weinen sollst Du nicht.“ Spüren Sie, meine Damen und Herren: Das Lied entsprach genau der seelischen Verfassung, in der mein Vater in diesen Jahren war. Ich überlasse es Ihnen, sich damit zu beschäftigen, was er meint, wenn er sagt: „Und wenn ich einst tot bin“, was er meint, wenn er sagt: „Aber weinen sollst Du nicht!“ Als ich im August des Jahres 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Hause kam, da war der erste Satz, den ich gehört habe: „Dein Vater lebt nicht mehr.“ Das hat mich natürlich sehr, sehr ge- troffen. Am Tage vor meiner Ankunft hier in Mengerskirchen hatte meine Mutter, die aus Breslau hierher geflüchtet war, ein Schreiben bekommen: Halbformat, vom Oberreichsanwalt beim Volksge- richtshof Berlin, datiert vom 21. März 1945.“ Ich bin, wie gesagt, im August 1945 nach Hause gekommen. Es hat also von März bis August gedauert, bis dieses Schreiben vorlag. Es war adressiert an den ältesten Bruder meines Vaters. Es heißt dort: „Auf Ihre Anfrage vom 13. März 1945 teile ich Ihnen folgendes mit: Der Geschäftsführer Franz Leuninger aus Breslau ist von dem Volksgerichtshof des Großdeutschen Reiches wegen Hoch- und Landesverrat zum Tode verurteilt worden. Das Urteil ist am 1. März 1945 vollstreckt worden. Die Veröffentlichung einer Todesanzeige ist unzulässig“. Was ist nun das Bedeutsame an der Entscheidung meines Vaters, sich am aktiven Widerstand zu betätigen? Ich meine, daß er sich selbst überwunden hat, daß er seinen Prinzipien treu geblieben ist, bis zum bitteren Ende. Das ist das eine. Das andere ist für mich - vielleicht sehe ich es etwas zu hoch - der politisch-historische Aspekt. Er und seine Gesinnungsfreunde haben durch ihre Handlungsweise das deutsche Volk davor bewahrt, generell als Nazis verurteilt zu werden. So gesehen, waren er und seine Freunde im Widerstand ein kleines Rädchen in der Geschichte des deutschen Volkes. Und wir alle, die wir jetzt hier sitzen und einen Bezug zu ihm haben - ob als Schüler oder Kollegen der Franz-Leuninger-Schule, ob als Gewerkschafter, ob als Mengerskircher Bürger oder als Angehöriger von Franz Leuninger - wir alle können stolz darauf sein, daß es ihn gegeben hat. Dankeschön. Erinnerungen auf heute befragt Herbert und Ernst Leuninger (Herbert) Ernst Leuninger und ich, wir sind die Neffen von Franz Leuninger, und wir treten an sich gerne immer zu zweit auf im Rahmen von Dialogpredigten. Aber wir haben uns überlegt, jetzt, als wir im Bayerischen Wald zusammen waren, ob wir unsere Erinnerungen auf heute bezogen, nicht auch gemeinsam vortragen sollten, und das möchten wir nun tun: Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler! Als 8jähriger habe ich in Köln ein nächtliches Gespräch be- lauscht, ein Gespräch meiner Eltern mit Franz Leuninger. Er war wohl nicht mehr Soldat, sondern in einer anderer Mission in Köln und berichtete aber über das, was er auf dem Polenfeldzug erlebt hatte. Ich habe in Erinnerung, wie er erzählte, Massengräber erschossener Menschen gesehen zu haben und ergänzte dann - und das werde ich wohl nie vergessen, - er habe in diesen Gräbern noch zuckende Leiber gesehen. Ich erinnere mich dann an einen späteren Besuch. Der Vater war inzwischen Soldat. Als die Sirene auf dem gegenüberliegenden Dach des Altersheimes Alarm gab, standen wir schnell auf, nahmen unser Notköfferchen und gingen in den Keller. Onkel Franz blieb im Bett liegen. Als dann die ersten Bomben fielen, kam auf einmal jemand leichenblaß die Treppe herunter und setzte sich zu uns. Diese Dimension des Krieges hatte er wohl bisher noch nicht kennengelernt. Ich erwähne diese beiden Erfahrungen, die ich gemacht habe, als Erfahrungen mit Onkel Franz, um daran die Frage zu knüpfen: Ist jetzt nach 50 Jahren vielleicht die Erfahrung, die mit einem Krieg und mit der Diktatur verbunden war, verbraucht? Gilt sein Wort nicht mehr, daß er einem seiner Brüder aus Polen geschrieben hatte: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt. Und es ist jedes Mittel erlaubt, das einen Krieg verhindert.“ Sind nach 50 Jahren die starken Gefühle und Haltungen verbraucht, die sich gegen den Krieg und gegen die Diktatur richten? Sind 50 Jahre vielleicht ein Zeitraum, nach dem die Schrecken des Krieges und der Diktatur verblassen? (Ernst): „Allem Anschein nach sind das Erfahrungen, die man selbst gemacht haben muß. Dinge, von denen man betroffen sein muß. Dinge, die sich nur schwierig vermitteln lassen. Und wir sind in unserer Gesellschaft in der kritischen Situation, daß die Zeitzeugen langsam wegsterben, die aus der Erfahrung der damaligen Zeit gelebt haben. Und wir sind in der Situation und danach haben wir auch den heutigen Vormittag angelegt, Er- fahrungen wieder lebendig zu machen. Erfahrungen lebendig werden zu lassen, weil wir überzeugt sind, daß sie nicht nur für unser Volk, sondern weit darüber hinaus, - denken sie an das ehemalige Jugoslawien, denken Sie an Rußland, Afrika und andere Länder, ethnische Säuberung und ähnliche Dinge -, le- bensnotwendig und lebenserhaltend sind. Weil wir uns an den Satz erinnern: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann’s die Zukunft kosten“. Und wie schnell ein Bodensatz von 15 % rechtsradikaler brauner Flut kochen kann, das haben wir vor wenigen Jahren bitter wieder erleben müssen. Gewiß, in ande- ren Ländern ist es sogar noch stärker, aber so wie Deutschland an der braunen Flut, hat sich noch kein anderes Volk be- schmutzt. „Wer die Vergangenheit nicht kennt, den kann’s die Zukunft kosten.“ Onkel Franz entstammte, wie wir gehört haben, und wer Men- gerskirchen kennt weiß dies, aus einem ausgesprochenen katho- lischen Milieu. In der Nazizeit war Mengerskirchen eine Art Widerstandsnest. Die Bevölkerung des Ortes wurde von den Nazis der Umgebung als schwarze Kommunisten bezeichnet. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 gab es, nach Ein- schätzung unseres Vaters, für die Nationalsozialisten hier in Mengerskirchen vielleicht das schlechteste Wahlergebnis im ganzen Reich. Dafür haben dann die Nazis in der Nacht vom 13. Juli 1933 mit einer Razzia grausam Rache genommen. Wir haben als Kinder nach unserer Flucht aus Köln in den We- sterwald diesen Widerstand deutlich verspürt, und wir haben dies als Kinder als etwas sehr Befreiendes wahrgenommen. Aus dieser Erfahrung heraus scheint mir aber heute - und das ist eine Frage an unsere Geschichtsaufarbeitung, daß der passive Widerstand in weiten Teilen der katholischen Bevölkerung nicht nur hier und auch der passive Widerstand im, so sage ich, „niederen Klerus“, in der öffentlichen Diskussion nicht ausreichend gewürdigt wurde. Ich denke aus meinem kleinen Erfahrungshorizont heraus an den Gemeindepfarrer von Köln Ehrenfeld an St. Mechtern, der eines Tages nicht mehr auf der Kanzel stand. Erst später haben wir erfahren, daß er wegen Äußerungen auf der Kanzel nach Eltville in den Rheingau verbannt war. Ich sehe noch die Durchschläge der Predigten von Bischof Galen von Münster gegen die Euthanasie in der Hand meines Vaters. Sonntags morgens frühstücke ich mit dem alten Pfarrer Homm, der eine kleine Broschüre verfaßt hat über den Kampf, den er zwischen 1933 und 1936 zusammen mit dem späteren Generalpräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Willi Bokler, in Villmar gegen die Nazis geführt hat. Ich habe in meiner theologischen Ausbildung eine ganze Reihe von Ordens- geistlichen/Pallottiner kennengelernt, die monatelang in Ge- stapogefängnissen oder sogar im KZ waren. Der in Hofheim verstorbene Prälat Hans Seidenather wurde als Gefängnisseelsorger in Frankfurt entlassen, weil er sich in einer Jugendstunde gegen die Verleumdung von Priestern gewandt hatte. Ich weiß von Pfarrern, die die Enzyklika Papst Pius XI. (1937) „mit brennender Sorge“, in der der Nationalsozialismus verurteilt wurde, dadurch vor dem Zugriff der Gestapo bewahren wollten, daß sie eines der beiden ihnen zugegangenen Exemplare im Tabernakel versteckten. Ich denke an den alten Pfarrer Spitzhorn von Mengerskirchen, der verbotenerweise für die französischen Kriegsgefangenen, die den Frauen und alten Männern bei der Ernte helfen mußten, die Heilige Messe las. Heute ist ein Pfarrer hier anwesend, der nur durch die Interven- tion höchster Polizeistellen vor dem KZ bewahrt wurde (Pfarrer Ferdinand Eckert). Die geheime Staatspolizei hat nach dem Frankreichfeldzug festgestellt, Blitzfeldzug, wo alles highlife war, wo zweifelnde Militärs auf einmal meinten: „Es ist doch die große Stunde Deutschlands“, daß das defätistische Reden in Deutschland vorbei sei. Da gäb’s nur zwei Gruppierungen, da lief das noch, nämlich in den Kirchen. Uns war damals eigentlich ganz klar, die Nächsten sind die Jesuiten und dann die Katholiken und dann die bekennende Kirche und so geht das weiter. Das paßt nicht. Ein Jesus, ein Religionsstifter der nicht Arier ist, der paßt nicht in die Landschaft, der stört die deutsche Identität. Es wurde ja sogar versucht, einen Arier aus Jesus zu machen, weil David blaue Augen gehabt hatte. Das ist alles ernsthaft versucht worden und die Kirchen waren sich klar darüber, die Nächsten, die dran sind, sind die Kirchen. Sie sind nicht brauchbar in dieser Landschaft. Und für mich ist das überra- schend, daß eigentlich auch gerade die Männer des Widerstan- des aus den Kirchen und die Männer des Widerstandes aus den Gewerkschaften bisher nicht in dem Maße die historische Wür- digung erfahren haben, wie man das meinen sollte. Ich vermu- te, es liegt sehr stark daran, daß die Denkmäler im positiven Sinne, andere waren ja nicht zu setzen, sehr schnell nach 1945 gesetzt worden sind, und in der Regel von Angehörigen, die Wissenschaftler waren. Und da konnten sicher natürlich aus dem Bereich des Adels und des Militärs, die sehr engagiert wa- ren auch in diesen Bereichen, mehr Denkmäler gesetzt werden. Die Institutionen, wie Kirchen und Gewerkschaften, hatten da- mals mit anderen Sorgen zu kämpfen, die hätten vielleicht noch ein Stück mehr tun können, um für ihre Leute Denkmäler zu setzen. Ich hoffe, daß die Seligsprechung von Domprobst Lichtenberg ein erster Schritt auch in die Richtung ist, daß die Kirche einmal anfängt, diese Leute, die als Christen aufgetre- ten sind, die aber auch zum Teil den Mut hatten zu sagen: „Ein Diktator muß beseitigt werden“, so akzeptiert, daß sie selbst damit leben kann, daß das im gewissen Sinne doch auch Mär- tyrer des Gewissens gewesen sind. Da könnte der Domprobst Liechtenberg ein erster Schritt sein für alle, die damals in die- sem Widerstand gestanden haben. Ich habe in den vergangenen Wochen an Gedenkveranstaltungen zur Befreiung des KZ Auschwitz in Frankfurt teilgenommen, so an der Lesung zweier Überlebender dieses KZ. Ich war zu einem Gedenkkonzert in der Frankfurter Oper und habe auch auf den dringenden Rat einer amerikanischen jüdischen Journalistin, die hier in Deutschland lebt, einen Film gesehen über zwei israelische Familien, die noch in der zweiten Generation nicht mit den entsetzlichen Erinnerungen fertig werden können, die sich aus der totalen Vernichtung ihrer Familien ergeben haben. Die Erschütterungen, die für mich mit solchem Gedenken verbunden sind, kann ich - das möchte ich heute morgen sagen - nur bestehen, weil ich in der Familie Franz Leuninger habe, meine Eltern und weil ich auch die tapferen Menschen von Mengerskirchen kennengelernt habe. Ich weiß, daß das eine Gnade ist. Biblisch gesprochen heißt das, es ist mir geschenkt; ich habe mir das nicht verdient. Ich habe auch deswegen keinen unmittelbaren Grund stolz zu sein. Ich bin aber sehr, sehr dank- bar. Gnade ist nicht nur etwas Unverdientes, sondern Gnade ist auch eine Kraft, und die habe ich persönlich immer wieder ver- spürt, gerade in den Auseinandersetzungen um die Verteidigun- gen eines Menschenrechtes, in diesem Falle des Menschenrechts auf Asyl. Ich habe diese Kraft gespürt, auch da wo ich mich von dem katholischen Milieu, ja sogar von meiner Kirche, verraten und verlassen fühlte. Für mich bedeuten Leute wie Franz Leuninger eine ganz wich- tige Frage meiner persönlichen Identität, meiner Einbindung in mein Volk, in das Land in das ich gehöre, in mein Verständnis von Menschen. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie es war um diese Zeit im März herum, als die Amis von Elsoff rüberkamen. Ich habe als 12jähriger mit einer weißen Fahne, mit der uns unsere Mutter ausgestattet hat, aber mit dem Hin- weis, diese erst zu zeigen, wenn die Amerikaner sich zeigten - *vorher hätte das ja noch lebensgefährlich sein können - da ge- standen und gewunken. Da stand ein Mann hinter mir und sagte: „Schämst Du Dich denn nicht?“ und das ist das Pro- blem. Ich habe die Amerikaner als Befreier erlebt, weil ich sehr viel aus Erzählungen wußte und weil wir in den nächsten Wo- chen und Monaten ja Dinge erfahren mußten, die unfaßbar waren. „Schämst Du Dich denn nicht?“ Ich hab mich bis in den Boden geschämt Deutscher zu sein. Ich habe die Amerika- ner als Befreier begrüßt. Ich habe lange gebraucht, bis ich über solche Männer und Frauen des Widerstandes gespürt ha- be, es gab da noch ein anderes Deutschland. Dieses Bewußt- sein, es gibt da noch ein anderes Deutschland und auch in den schlimmsten Zeiten, das hat mich in die Lage versetzt, einen neuen Zugang zu Deutschland zu gewinnen. Man muß sich das bei einem Zwölfjährigen mal vorstellen, was das heißt, was wir mitmachen mußten. Was heißt das denn „Deutschland?“ Was bringt das für einen Jugendlichen in der Phase der Identitäts- bildung an Schwierigkeiten? Diese Männer haben mir gehol- fen, einen Weg zu finden, und deshalb möchte ich auch eigent- lich nie vergessen, wie die auf Menschenwürde, wie die auf Gewissen, wie die auf Freiheit, wie die auf Demokratie, Ein- heitsgewerkschaften und alle diese Dinge gesetzt haben. Das ist so ungeheuer wichtig, weil das der Schatz gewesen ist, den diese Menschen mir aus ihrem zerbrechlichen aber kostbaren Schatz mir gegeben haben. Du möchtest aber künftig noch untersuchen, welche Rolle ei- gentlich Franz Leuninger im Widerstand gespielt hat? Wir haben bisher darüber, das hat ja auch Walter gesagt, eigentlich natur- gemäß, sehr wenig Informationen. Aber ich habe den Eindruck, daß Du an dieser Stelle eine Theorie hast, die Franz Leuninger in das Innere des inneren Widerstandes hineinstellen würde. Wir müssen zwei große Richtungen des Widerstandes sehen. Schlesien wird normalerweise dem (Moltke) Kreisauer-Kreis, christlicher Widerstand zugerechnet. Da hat Franz Leuninger nicht zugehört. Er hat zum politisch-militärischen Widerstand gehört. Er hat zu den Leuten gehört, die von den Gewerk- schaften und von links zu diesem stießen. Er kam vom Zentrum her. Er war dann von der heutigen Sprache her ein linker Ka- tholik und hat darüber oft in seiner Partei Auseinandersetzun- gen gehabt. Das hat er auch in einer Gewerkschaftszeitung ge- schrieben. Dieser Widerstand war dann verzahnt mit dem ehe- maligen Generaloberst Beck, der die Heeresleitung abgegeben hatte, weil er alle Offiziere aufgerufen hatte zurückzutreten, wegen diesem Mann Hitler mit seinen Blutrauschgefühlen. Beck mußte dann in den Ruhestand gehen. Er war der militäri- sche Kopf des Widerstandes. Leider war er dann nicht mehr aktiv und dadurch sind manche Dinge anders gelaufen. Auf der anderen Seite stand eher ein konservativer Politiker wie Karl Gördeler, der Oberbürgermeister aus Leipzig. Daß Franz Leuninger zum inneren Kreis gehört hat beweist, daß er auch an Treffen in Berlin teilgenommen hat. Der Widerstand war ja ein Reisewiderstand, so müßte man sagen. Wilhelm Leuschner ist dafür ganz typisch. Mein Onkel ist nach Köln gefahren, als Baufachmann beratend da und dorthin. Die Widerstands- kämpfer haben versucht, sich immer auf Reisen zu treffen. Wenn vom Kreisauer Kreis die Rede ist meint man die Treffen wären in Kreisau gewesen. Der Kreis hat sich vielleicht zwei- mal in Kreisau getroffen. Sie waren immer unterwegs, damit man ihnen nicht auf die Spur kommen konnte. Ich möchte her- ausarbeiten, wie wichtig diese Form des Widerstandes, gerade aus den christlichen und gewerkschaftlichen Kreisen, nicht nur im Kreisauer Kreis, sondern auch im politisch-militärischen Widerstand gewesen ist, weil ich meine, daß der Beitrag ent- schieden größer ist, als er bisher in der Historie gewürdigt worden ist. Dann wurden Franz Leuninger und Fritz Voigt und andere nicht einfach so unter anderen genannt. Sie waren mit- tendrin. Sie waren im innersten Kreis des Widerstandes, und es ist ja auch dafür eine Bestätigung, daß der Bruder von Karl Gördeler, Fritz Gördeler, am selben Tag wie Franz Leuninger in Plötzensee in den Tod gegangen ist. Walter hat sehr eindrucksvoll dargestellt, daß sein Vater durch und durch Gewerkschafter war. Auch dies ist ja eine Tradition unserer Familie. Unser Vater war Gewerkschafter in Berlin und Köln, sein jüngster Bruder, unser Onkel Ernst, war Hessischer DGB-Vorsitzender. Dies war für uns beide - ich denke, das kann ich sagen - ein sehr natürlicher und sehr selbstverständlicher Zugang zu den Gewerkschaften und eigentlich auch zu sozialen Fragen. Ich möchte das auch an dieser Stelle sagen, daß ich als Sprecher von PRO ASYL, die stärkste Unterstützung von den Gewerkschaften erfahren habe, u.a. bei gemeinsamen Pressekonferenzen in Bonn, Düsseldorf und Frankfurt. Mit den Gewerkschaften zusammen konnten wir Aktionen gegen die Fremdenfeindlichkeit unternehmen. Ich glaube, die Gestalten des Widerstandes, unter ihnen Franz Leuninger, haben eine Botschaft auch an uns heute. Ich möchte die Botschaft zusammenfassen, die ja letztlich auch die Bot- schaft unseres Grundgesetzes ist: Vor allem Staat, vor aller Macht, vor aller Wirtschaft kommt die Menschenwürde und die Freiheit des Gewissens. Diese Botschaft darf in unserem Land nie mehr vergessen werden. Grußwort Landrat Dr. Manfred Fluck Sehr geehrte Familie Leuninger, sehr geehrte Damen und Herren! Ein halbes Jahrhundert ist es inzwischen her, daß ein Wester- wälder Gewerkschafter namens Franz Leuninger, der fest im christlichen Glauben stand, sein Leben lassen mußte im aktiven und dennoch vergeblichen Kampf gegen ein Unrechtsregime, das in der Geschichtsschreibung mit dem Begriff „Drittes Reich“ bedacht wird, sich selbst aber in verblendeter Überheblichkeit als tausendjähriges Reich bezeichnete. 50 Jahre - nach heutigen Maßstäben unserer schnellebigen Welt fast eine halbe Ewigkeit. Wer die Zeit von 1933 bis 1945 bewußt miterlebt oder sich in der Literatur mit dieser Epoche befaßt hat, kann nachempfinden, daß viele Deutsche - zumal mit fortschreitendem Kriegsverlauf - sich ein Ende der Gewaltherr- schaft herbeiwünschten, jedoch fast alle in Bewegungslosigkeit verharrten. Das läßt sich nicht abschließend und allgemein- verbindlich bewerten. Franz Leuninger jedenfalls bildete eine Ausnahme. Er entstammte in Mengerskirchen einem Umfeld, das sich durch bemerkenswert deutliche Ablehnung gegenüber den Nationalsozialisten auszeichnete. Ihre Wahlergebnisse in dem Westerwaldort gehörten zu den schlechtesten im ganzen Reich. Immer wieder versuchten SA und SS das Dorf mit besat- zungsähnlichen Zuständen einzuschüchtern. Sie scheiterten. An einer für alle Dorfbewohner anberaumten nationalsozialistischen Schulung erschienen lediglich der Referent, zwei SA-Leute, zwei Lehrer und ein neugieriger Bewohner. Vor diesem Hintergrund kann man auch erklären, daß eine Jüdin von einer Bewohnerin versteckt, Krieg und Holocaust in Mengerskirchen überleben konnte. Es hat viele Jahre gedauert, ehe die Widerstandsbewegung jenen ehrenden Rang erhalten hat, der ihr historisch zusteht. In der Öffentlichkeit wurde jahrzehntelang lediglich an den 20. Juli 1944 erinnert. In wissenschaftlichen Seminaren erfolgten dann begleitend staatsrechtliche und staatsphilosophische Erörterungen über Moral und Ethik, über die Rechtfertigung des Tyran- nenmordes unter den Gesichtspunkten Notwehr, Nothilfe und übergesetzlicher Notstand. Die Größe und Bedeutung der gesamten Widerstandsbewegung wird erst in jüngster Zeit gewürdigt. Es ist in unserer Demokratie, insbesondere nach der Wiedervereinigung äußerst wichtig, daß nachfolgende Generationen weiterhin nach den Quellen, nach Aufklärung, nach Verhaltensweisen und nach dem Kampf um die Menschenrechte jener Zeit fragen. Wer heute fragt, wo der Mut der Deutschen, gegen das Unrechtsregime vorzugehen, zu suchen ist, der wird bei Franz Leuninger und seinen Freunden eine Antwort finden. Besonders unseren Jugendlichen darf diese schlimmste Zeit in der deutschen Geschichte nicht vorenthalten werden. Die sich abzeichnende Tendenz, das fürchterliche Geschehen zu verherr- lichen und die Greueltaten zu leugnen, darf sich nicht fortsetzen. Das sind wir nicht zuletzt auch den Menschen des Widerstandes wie Franz Leuninger schuldig, die ihr Leben hingaben, um Deutschland zu retten. Lassen Sie mich, verehrte Damen und Herren, mit einem Satz von Winston Churchill mein kurzes Grußwort schließen. Er sagte nach dem Kriege: „In Deutschland lebte eine Opposition, die quantitativ durch ihre Opfer und eine entnervte internati nale Politik immer schwächer wurde, aber zu dem Edelsten und Größten gehört, das die politische Geschichte aller Völker kennt!“ Franz Leuninger, an den wir heute am 50. Jahrestag seiner Hin- richtung denken, gehört dazu. Grußwort Gert Lütgert (MdL) Stellvertretender Vorsitzender des DGB-Hessen Liebe Familie Leuninger, meine Damen und Herren! Wenn wir heute gemeinsam Franz Leuningers gedenken, dann ehren wir mit ihm auch die Umgebung, die ihn prägte, und die Gefährten, die den schweren Weg im Kampf gegen die Nazibar- barei gemeinsam mit ihm gingen. Zur Umgebung, die ihn prägte, gehört seine Familie, deren Na- men man seit vielen Jahrzehnten immer wieder dort findet, wo Menschen für die Rechte der Schwachen und Verfolgten ein- treten. Dazu gehört aber auch diese Gemeinde, deren Einwohner dem NS-Regime widerstanden, wie wir heute mehrfach gehört haben. Die Weggefährten Franz Leuningers waren Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft, Religion und politischer Zielsetzung - einig aber in ihrem Einsatz für Freiheit und Humanität. Denn Franz Leuninger hat über Grenzen hinweg das Bündnis mit allen gesucht, die die Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und Chancengleichheit aller Menschen zu bewahren suchten. Es hat ihn weniger interessiert, ob die einen diese Haltung Nächstenliebe nannten und die anderen sie vielleicht als Solida- rität mit den Ausgebeuteten und Unterdrückten bezeichneten. Ihm und seinen Freunden war klar, daß nicht Rückzug, Resignation und Verzweiflung, Gerechtigkeit und Solidarität in der Welt erhalten können, sondern nur der aktive Einsatz für diese Werte. Und er kannte das Risiko. Er ist es bewußt eingegangen wie Tausende Gleichgesinnter. Doch noch mit dem Tod hat er seinen Mördern den Triumph genommen! Indem sie ihn ermordeten, bewiesen die Nazis, daß das, was sie zerstören wollten, Nächstenliebe, Solidarität und Humanität, ein so hohes Gut ist, daß Menschen sogar ihr Leben dafür opfern. Eine Minderheit der Deutschen, aber doch immerhin Tausende aus allen Kreisen der Bevölkerung, leisteten Widerstand gegen das Naziregime. Viele haben ihr Leben lassen müssen, viele ha- ben ihre Gesundheit verloren. Wenn heute Konservative von der Ehre des deutschen Volkes reden und gegen das Aufarbeiten der Vergangenheit polemisie- ren, dann sagen wir ihnen: Diejenigen, die ihre Ehre und die des demokratischen Deutschlands verteidigt haben, waren die Frauen und Männer des Widerstandes; sie haben gezeigt, daß die Deutschen nicht nur ein Volk der Richter und Henker waren. Sie haben den Grundstein gelegt für die Möglichkeit einer demokrati- schen Zukunft. Das Vermächtnis der Frauen und Männer des Widerstandes ernstzunehmen, heißt für uns heute, den Verfall sozialer Sicher- heit und die Zerstörung von Frieden und Demokratie zu be- kämpfen! Vielen Widerstandskämpfern, nicht nur denen aus der Arbeiter- bewegung, schwebte eine neue Gesellschaft vor. Eine Gesell- schaft, in der Faschismus und Krieg nie mehr möglich sein soll- ten, eine Gesellschaft, in der die Lebensperspektiven aller Men- schen gesichert sein sollten. Die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht be- deutete nicht nur die Befreiung der überlebenden Opfer. Sie war zugleich die Beendigung einer monströsen Barbarei: Der plan- mäßigen industriellen Vernichtung des europäischen Judentums. Seit ihrer Vertreibung aus Palästina erfuhren Juden vielerorts Haß und Verfolgung. Die systematische Ausrottung wurde einzig im Deutschen Reich geplant und praktiziert, bis die Alliierten der Anti-Hitler-Koalition den Mördern das Handwerk legten. Heute müssen wir feststellen, daß wieder Feindbilder entworfen werden. Sozial Schwache werden gegeneinander ausgespielt, Fremdenhaß und Rechtsextremismus machen sich breit. Die Rechtsextremisten rühren damit an die Wurzeln der Demokratie. Bis weit ins bürgerliche Lager, vereinzelt sogar bis in unsere eigenen Reihen, finden sie Anklang mit mancher ihrer Parolen. Es ist eine Grauzone entstanden, in der die Grenzen ver- schwimmen; rechtsextremes Denken wird salonfähig gemacht. Unterdrückung und Menschenverachtung kommen eben nicht nur mit Getöse in den Nagelstiefeln der SA oder der terroristischen Neonazis daher, sie treten auch in den Lackschuhen scheinbarer Seriosität auf, und sie schleichen sich auch auf den Filzlatschen des Gleichgültigen in unser Bewußtsein. Meine Damen und Herren, es ist unsere Aufgabe, im alltäglichen Handeln zu zeigen, daß unser Gedenken an Franz Leuninger und seine Weggefährten mehr ist als nur ein Ritual. Wir werden ihrem Vermächtnis nur dann gerecht, wenn wir selber dafür sorgen, daß Menschen in unserem Lande nicht verfolgt werden, daß Hilfesuchende nicht zu Mörderregimen zurückgeschickt werden, daß Arme nicht ins Elend und in die Obdachlosigkeit gedrängt werden und daß Andersdenkende und anders Lebende nicht diskriminiert werden. Lassen Sie mich enden mit einigen Sätzen, die vor 25 Jahren der verstorbene ehemalige Vorsitzende des DGB Hessen, Philipp Pless, sprach, als er die Widerstandskämpfer des 20. Juli ehrte: „Im Gedenken an unsere Freunde, im Gedenken an die zahllosen Opfer nationalsozialistischen Unrechts, rufen wir alle Schaffenden und die, die guten Willens sind, auf, nicht zuzulas- sen, daß die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Dies würde die Demokratie erneut zum Scheitern bringen. Dem Frie- den, der sozialen Gerechtigkeit und der Fortentwicklung unserer demokratischen Freiheit gilt unser Schaffen. Nur so handeln wir im Geiste unserer Freunde, die wir auf immer in ehrenvoller Erinnerung bewahren.“ Schlußwort Bürgermeister Robert Becker: Sehr geehrte Familie Leuninger, verehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Gemeinde Mengerskirchen, für die ich die Ehre habe, hier zu sprechen, ist stolz darauf, daß es aus ihren Reihen Frauen und Männer gab, die aus humanitären, ethnischen, moralischen, reli- giösen und rechtlichen Gründen Widerstand gegen das NS- Unrechtssystem geleistet haben. Der Bedeutendste war Franz Leuninger, der heute vor 50 Jahren, am 1. März 1945, sein Leben ganz bewußt und ganz klaren Willens, für uns und sein Vaterland geopfert hat. Ich danke Ihnen, auch im Namen der Familie Franz Leuninger, sowie der hiesigen Grundschule, die nach ihm benannt wurde, all denen, die heute am Gottesdienst teilgenommen haben und die an dieser Gedenkfeier mitgewirkt haben. Ich habe mich sehr gefreut über den Beitrag der Kinder der Grundschule, aber auch danke ich herzlich dem Ensemble der Westerwaldschule, das die musikalische Umrahmung hier gelei- stet hat. Ich hatte vor, in meiner Rede noch kurz ein Bild zu zeichnen, über die damalige Situation Mengerskirchens, und es ist ja immer das Leidwesen desjenigen, der am letzten spricht, daß viel vorweggenommen wurde. Ich denke, dieses Bild von Men- gerskirchen wurde sehr ausführlich beschrieben, so daß ich dar- auf auch nicht mehr zurückkommen brauche. Auch im Hinblick auf die fortgeschrittene Zeit möchte ich aber meine Gedanken zu dem Vermächtnis Franz Leuningers doch noch Ihnen vortragen: Meine Damen und Herren! Franz Leuninger war, lieber Walter, ein Patriot, würde ich sagen. Er leistete mit seinen Freunden Widerstand und kämpfte entschlossen gegen die braune Diktatur. Heute wissen wir, daß der Widerstand sich aus Menschen aller Schichten, aus allen weltanschaulichen und politischen Richtungen zusammensetzte. Von ausgesprochen rechts stehen- den Konservativen bis hin zu Kommunisten. Nicht wenige hatten sich zeitweise blenden lassen. Nicht wenige irrten, schwankten, zeigten sich wach. Doch stärker war in ihnen schließlich die Stimme des Gewissens und das Bewußtsein der Verantwortung. Über alle Unterschiede hinweg aber war ihnen eines gemeinsam: Die Bereitschaft, ihr Leben für Menschlichkeit, Freiheit, Recht und Frieden zu wahren. Deshalb ist es unsere Aufgabe, meine sehr geehrten Damen und Herren, daß wir diesen edlen Vorbildern nachfolgen. Ihre Leistungen und ihr Engagement nicht nur zu würdigen, sondern es auch vor allem unserer Jugend zu vermitteln und wachzuhalten. In diesem Zusammenhang verhehle ich nicht meine Enttäuschung über die äußerst schwache Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl am 19. Februar 1995. Mit knapp 48 % lag die Wahlbeteiligung hier in Mengerskirchen im unteren Bereich dessen, was landauf landab festgestellt wurde. Diese bedauerliche Entwicklung eines zunehmenden Desin- teresses breiter Bevölkerungsschichten an der staatlichen Ent- wicklung, ist für mich alarmierend. Die Ursache hierfür sind si- cher vielschichtig. Ich denke, es fehlt auch das positive Beispiel vieler, aber auch unserer Volksvertreter. Wasser auf die Mühle derer, die nicht mehr wählen gehen, sind Aktionen, wie das ak- tuelle Beispiel der Diätenerhöhung durch den Thüringischen Landtag. Da ist die Hessenwahl acht Tage vorbei, da streiken Arbeitnehmer in Bayern für eine 6 %ige Lohnerhöhung. Allent- halben sprechen Politiker von der Notwendigkeit von Ver- schlankung unseres Staatswesens und der Aufgabenbeschränkung an allen Ecken und Enden. In einer solche Situation, meine Damen und Herren, ist eine 43 %ige weit über die Steigerung der Lebenshaltungskosten liegende Einkommenserhöhung, von der nur Normalbürger träumen können, nicht tragbar. Ich denke, es ist von uns allen mehr Zivilcourage erforderlich. Mißstände, und das ist im Sinne von Franz Leuninger, müssen massiv angesprochen und notfalls auch angeprangert werden. Wir müssen verhindern, daß unsere Demokratie Schaden nimmt und dieses Phänomen sich im Bewußtsein der Bevölkerung verfestigt. Die positive Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg war insbesondere geprägt durch die soziale Verantwortung der politisch Handelnden. Die Abwendung der Bürger von der Politik ist eine große Gefahr. Freiheit wird ohne soziale Verant- wortlichkeit schnell zur Freiheit der wenigen über die vielen. Das begründet die Notwendigkeit einer sozialen Ethik, die immer wieder ins Bewußtsein gerufen wird und die Franz Leuninger vertreten hat. Meine Damen und Herren! Freiheit wird ohne soziale Verant- wortung schnell zur Freiheit der wenigen über die vielen. Unsere Chance, die vielen großen Probleme von heute zu lösen, liegt nicht in einseitiger kompromißloser Interessenpolitik, sondern in der Erkenntnis, daß nur das solidarische Miteinander, welches Freiheit und Gerechtigkeit umschließt, schwere soziale Konflikte verhindern kann. Kurzfristige Vorteile, die der Besitz der Macht bietet, dürfen nicht dazu führen, die Vernunft aus den Augen zu verlieren und den sozialen Konsens außer acht zu lassen. Der Appell an die Menschlichkeit, an das gemeinsame Ganze, das es zu erhalten und zu entwickeln gilt, ist keine Leerformel, sondern eine dringende Notwendigkeit. Ich denke, daß wir das Vermächtnis von Franz Leuninger - wir insbesondere hier in Mengerskirchen - achten und hochhalten sollen und in diesem Sinne stets für Demokratie, für eine freie und gerechte Gesell- schaft eintreten. Dazu würde aber auch die Beteiligung am Staatsgeschehen, d.h., daß man sich auch an Wahlen beteiligt, gehören. Mit diesem Ausblick und mit diesem Appell möchte ich mein Schlußwort beenden und nochmals all denen danken, die heute uns so beispielhaft und so interessant das Leben und das Werk von Franz Leuninger hier dargeboten haben durch seinen zweit- ältesten Sohn Walter, durch seine Neffen Ernst und Herbert und durch die Beiträge von Herrn Landrat Dr. Fluck, Herrn Lütgert vom DGB, den Schülern der Franz-Leuninger-Schule und ihrem Rektor und den Musikern. Allen danke ich nochmals. Und nun meine sehr geehrten Damen und Herren! Sie haben sehr lange zuhören müssen. Darf ich Sie, auch im Namen der Familie und der Gemeinde, zu einem kleinen Imbiß einladen, der jetzt im kleinen Saal gereicht wird. Ich bedanke mich nochmals für Ihre Aufmerksamkeit, daß Sie mir so lange zugehört haben. Nachwort Franz Leuninger - ein Christ im Widerstand, ein kurzes Lebens- bild Ernst Leuninger Am 1. März 1945 wurde Franz Leuninger - ein christlicher Ge- werkschafter - in Berlin Plötzensee durch Erhängen hingerichtet. Am 26.2. wurde er durch den Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Mit ihm gingen zwei ehemalige Gewerkschaftskolle- gen aus Breslau in den Tod. Es waren Fritz Voigt, der ehemalige Polizeipräsident von Breslau und Oswald Wiersich, ehemaliger Bezirkssekretär des ADGB (Allgemeiner Deutscher Ge- werkschaftsbund) in Schlesien. Franz Leuninger war für das Amt des Oberpräsidenten in Oberschlesien vorgesehen (oder hatte Lukaschek für dieses vorgeschlagen), das führte zu seiner Verurteilung nach dem Scheitern des 20. Juli. Wer war dieser Franz Leuninger? Er wurde am 28.12.1898 in Mengerskirchen im Westerwald als das dritte von neun Kindern geboren. Die Eltern waren Kleinlandwirte, der Vater übte im Winter das Handwerk eines Nagelschmiedes aus. Franz war schulisch sehr begabt, aber für Kinder armer Eltern gab es damals keine Chance, das Gymnasium zu besuchen. Die Familie war wie selbstverständlich in der katholischen Kirche verwurzelt. Tischgebet und Gottesdienstbesuch gehörten zu den unum- stößlichen Regeln. So war er auch Ministrant. Frömmigkeit ge- hörte für ihn unverzichtbar zum Leben. Einmal sagte er einer Frau, die an der Bedeutung des Gebetes zweifelt, daß er als junger Mann auf dem Bau schwere Steine eine Leiter hinauf schleppen mußte. Manchmal hätten die Kräfte versagt, ein kurzes Verweilen, ein Stoßgebet, und es sei weiter gegangen. Von daher wird es auch verständlich, daß er beim Gang zur Hinrichtung nach den Aussagen des Gefängnispfarrers das Lied: „Großer Gott wir loben dich“ betete, das feierliche Lob- und Danklied der katholischen Kirche, das nur bei besonders festlichen Anlässen gesungen wird. Die Jugend war hart. Nach der Schulzeit ging er in den Feldwe- gebau in seiner Heimat. Da ihm der Stundenlohn mit 21 Pfennig zu gering war wurde er, noch nicht 14 Jahre alt, Bauhilfsarbeiter. Sein Bruder hatte ihn in Remscheid aufgenommen. Er sollte am Bau Kaffee kochen, den Schlauch beim Betonieren halten und Botengänge durchführen. Abends kam der Bruder in die Baubude, da saß Franz da und weinte. Er hatte Zementsäcke tragen und schaufeln müssen und dafür bekam er 20 Pfennig die Stunde. Sein Bruder sagte dem Polier, er solle Franz 5 Pfennig mehr geben und ihm diese abziehen, aber Franz setzte sich durch und bekam sein Geld ohne Abzug beim Bruder. Der Hei- mattradition gemäß gehörte er den Christlichen Gewerkschaften an. In der schwierigen Zeit teilte ihn der Polier zu Schwarzarbeit ein und er verletzte sich mit 13 Jahren und 11 Monaten schwer. Im Winter erholte er sich in der Heimat und schmiedete mit seinem Vater und seinen Brüdern Nägeln. Im Ersten Weltkrieg mußte er zu den Soldaten. Er wurde Vertrauensmann des Christlichen Bauarbeiterverbandes und warb Mitglieder für den Verband in seiner gering be- messenen Freizeit. 1922 wurde er Lokalsekretär in Aachen. Mit dem Fahrrad fuhr er von Baustelle zu Baustelle und bemühte sich um seine Kollegen. Der Sekretär erhielt damals 10% Zuschlag zum Maurerlohn. Danach war er Sekretär in Euskirchen und im Verbandssekretariat in Krefeld. 1927 wurde er als Be- zirkssekretär nach Breslau berufen wo er, noch nicht 30 Jahre alt, als Bezirksleiter für den ganzen schlesischen Raum wirkte. Als er einmal wegen seiner Zugehörigkeit zum Zentrum angegriffen wurde sagt er dem, der ihn angegriffen hatte: „Ich habe keine Ursache, ihm gegenüber ein politisches Glaubensbekenntnis abzulegen. Ich kann ihm aber sagen, daß ich in erster Linie Gewerkschaftler bin und im gegebenen Fall auch gegen die Parteien ins Feld ziehen werden, welchen ich politisch nahestehe ...“. Er war als tüchtiger, einsatzbereiter und redegewandter Se- kretär bekannt. Bei Tarifverhandlungen spielte er seine besonde- ren Fähigkeiten aus. Zugleich war er ein Mensch mit viel Humor. In Breslau hatte er ein gutes Verhältnis zum Gesellenverein (heute Kolpingfamilie). Er hatte in Gesellenhäusern gewohnt. In Krefeld gehörte er dem dortigen katholischen Arbeiterverein an. Er hatte eine spontane Art der christlichen Haltung. Einmal nahm er einen armen Mann mit nach Hause zum Essen, anschließend fehlte seine Brieftasche; das konnte seine Grundeinstellung aber nicht ändern. Einer schwangeren Frau, die in der Straßenbahn in die Wehen kam, besorgte er ein Taxi ins Krankenhaus und bezahlte es auch gleich. Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kam sah der das Ende der Demokratie und die Zerschlagung der Gewerkschaften vor- aus. So geschah es auch. Er war vor 1933 schon ehrenamtlicher Geschäftsführer einer im christlich-sozialen Bereich angesiedelten Heimstätte. Er übernahm nun hauptberuflich die Leitung. Es liegen Berichte vor, daß er einer ganzen Reihe von systemkriti- schen Menschen Arbeit in dieser Institution bot. Fritz Voigt betätigte sich auf Anregung von Franz Leuninger als Grund- stücksmakler und es ist anzunehmen, daß der Hauptge- schäftspartner das genannte Siedlungswerk war. Ein ehemaliger Freigewerksachfter, der 1938 bei der Siedlungsgesellschaft Ar- beit als Polier fand, sagte: „Franz Leuninger war mir einer der liebsten Menschen, denen ich damals im Rahmen meiner berufli- chen Tätigkeit begegnet bin.“ Franz Leuninger mußte mit 40 Jahren am Polenfeldzug teilneh- men. Er schrieb später an einen seiner Brüder: „Es gibt nichts, was einen Krieg rechtfertigt, und es ist jedes Mittel erlaubt, das ei- nen Krieg verhindert.“ Nach seiner Entlassung aus dem Kriegsdienst baute er den Wi- derstand in Breslau und Schlesien mit auf. Die Gewerkschafter Fritz Voigt und Oswald Wiersich gehörten zu seinen Partnern. Im Herbst traf er sich in Berlin u.a. mit Carl Friedrich Goerdeler, dem ehemaligen Oberbürgermeister von Leipzig, vorgesehener Reichskanzler des Widerstandes und Jakob Kaiser. Der Bruder von Goerdeler wurde auch am 1. März hingerichtet. Es ging bei diesem Gespräch um sozial- und ernährungspolitische Fragen nach einem Umsturz. Über Goerdeler kam er auch in Kontakt mit Ludwig Beck, der als Generalstabschef des Heeres die gesamte Generalität 1938 zum Rücktritt aufforderte, um damit dem Kriegstreiben Hitlers ein Ende zu setzen. Über Fritz Voigt sind Kontakte zu Wilhelm Leuschner und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg anzunehmen. Er hat verständlicherweise über diese seine Arbeit und Kontakte nicht viel gesprochen. In seiner Heimat sprach er einmal im eng- sten Kreis seiner Verwandten über die Schrecken der Konzen- trationslager und der Gewaltherrschaft. Er sagte: „Die Verbre- chen sind so furchtbar, daß sie nur mit dem Blut der Besten ge- sühnt werden können.“ Wenige Wochen nach dem 20. Juli 1944 wurde er verhaftet. Im Haftbefehl war u.a. zu lesen: „Leuninger hat bereits 1941/42 von dem ihm von früher gut bekannten ehemaligen sozialdemo- kratischen Gewerkschaftssekretär Fritz Voigt erfahren, daß ge- wisse Kreise des Adels und der Wirtschaft zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit den Westmächten eine Änderung der Regierung anstrebten. ... Auch Leuninger erklärte sich zur Mit- arbeit für die neue Regierung durch Überwachung der wirt- schaftlichen Organisation bereit.“ Während er im Gefängnis war, befand sich seine Frau auf der Flucht von Breslau in den Westen und seine drei Söhne waren beim Militär. In einem seiner letzten Briefe aus dem Gefängnis schrieb er: „Ich habe mein Schicksal in die Hände des Herrgotts gelegt. Wie er es macht, so wird es schon richtig sein.“ 60 61 57