Alois Leuninger


1873 - 1973
Hundert Jahre
Mengerskirchen


Dokumente - Gespräche - Erfahrungen

Inhalt - Mengerskirchen - - Anmerkungen

SCHULE UND AUSBILDUNG

Volksschüler

Der Begriff "Bildungsnotstand" ist, auf den beruflichen Bereich bezogen, für Mengerskirchen lange Zeit anwendbar. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, war den Volksschülern bis in die Zeit von 1930 hinein der Übergang in eine weiterführende Schule kaum möglich. Die Gründe hierfür sind verschiedener Art. Einmal war der Besuch einer solchen Schule mit einer Internatsunterbringung verbunden, da keine Verkehrsmöglichkeiten bestanden, die die tägliche Heimkehr des Schülers von einer nähergelegenen Schule zugelassen hätten. Internatskosten konnten aber nur vereinzelte Familien aufbringen. Andererseits waren die Eltern darauf angewiesen, ihre Kinder so bald wie möglich in eine entlohnte Beschäftigung zu bringen. So führte der Weg der männlichen Tugend als Wanderarbeiter in das Baugewerbe und der der Mädchen meist als Hilfe in einen städtischen Haushalt.

Die Hinwendung der männlichen Jugend, wie überhaupt der erwerbstätigen Männer, zum Baugewerbe begann etwa nach 1880 und verstärkte sich nach der Jahrhundertwende mehr und mehr. In manchen Nachbarorten setzte diese Entwicklung früher und in größerem Umfang ein. Von Winkels wird berichtet, daß im Jahre 1889 zwei Drittel der männlichen Erwerbstätigen auswärts im Baugewerbe arbeiteten, während es in Mengerskirchen nur ein Drittel war. Das hatte seine Ursache darin, daß dort in dieser Zeit das Nagelschmiedegewerbe von vielen noch ganzjährig ausgeübt wurde. Diesem Erwerb gaben manche den Vorzug gegenüber dem Los des Bauarbeiters in der Fremde. Außerdem ermöglichte die verhältnismäßig große Mengerskirchener Gemarkung das Betreiben einer, wenn auch meist kleinen Landwirtschaft, mit der man dann noch zeitweilig das Nagelschmieden verband. Aber bereits im Jahre 1905 gingen schon 120 Männer aus dem Flecken als Bauarbeiter vorzugsweise in die Industriebereiche. Dort war leichter als anderswo ein Arbeitsplatz zu finden, der nicht nur Verdienstmöglichkeiten bot, sondern auch gleichzeitig die Aussicht bot, sich mindestens bis zum Facharbeiter emporzuarbeiten.

Realschullehrer Löbel, Weilburg, der nach 1950 an der Volksschule in Mengerskirchen unterrichtete, stellte eine Untersuchung über die berufliche Entwicklung der Schulentlassungsjahrgänge 1955/56 an und kam dabei zu folgendem Ergebnis: Von 28 Jungen gingen 17 in das Baugewerbe, sechs wurden auswärts Lehrlinge oder besuchten eine weiterführende Schule, vier erlernten einen Handwerksberuf in Mengerskirchen und einer wurde Bauer. Von den 25 Mädchen arbeiteten 14 in der örtlichen Strickerei, acht besuchten eine weiterbildende Schule oder erlernten einen Beruf und drei blieben im elterlichen Haushalt. Diese Untersuchung regte zur Erstellung der nachfolgenden Statistik an, die einen größeren Zeitraum erfaßt und darzustellen versucht, welche Entwicklung die schulentlassene Jugend in Mengerskirchen in den sieben vergangenen Jahrzehnten genommen hat.

 

Schulentl.
Jahrgang
Jungen Bauberufe sonst
Handw..
andere
Berufe
weiterf.
Schulen
elterl.
Betrieb
1906 15 12 2 - 1 -
1917 15 13 - - 2 -
1927 10 6 1 - - 3
1937 9 6 3 1 - -
1947 7 3 4 - - -
1957 10 4 4 2 - -
1967 10 3 4 - 3 -
Insgesamt 76 46 18 3 6 3

 

Schulentl.
Jahrgang
Mädchen fremde
Haush.
andere
Berufe
weiterf.
Schulen
elter.
Betr./
Haush.
Strik-
kerei
Mgk.
Angest./ Berufe
1906 11 9 - - 2 - -
1917 18 10 - - 7 - 1
1927 18 10 1 - 7 - -
1937 9 - 1 2 5 - -
1947 9 1 - - 4 4 -
1957 13 - - 5 1 4 3
1967 10 - 3 3 1 1 2
Insgesamt 88 30 5 10 27 9 6

Soweit sich die Zahlen über die Berufe nicht mit der Gesamtzahl decken, liegt körperliche Behinderung in bezug auf eine Berufsausbildung vor.

Diese Statistik erhebt nicht den Anspruch, repräsentativ für alle Schulentlassungsjahrgänge zu sein. Sie zeigt jedoch allgemein die Situation des sie umfassenden Zeitraumes auf. Ganz gewiß trifft sie in der Zeit nach 1947 nicht umfassend den Teil der Schüler aus Mengerskirchen, der weiterführende Schulen besuchte, wie an anderer Stelle noch darzulegen sein wird.

Ganz auffällig zeigen aber die Zahlen, daß etwa Mitte der 30er Jahre eine Verschiebung in bezug auf die Berufswahl der Schulentlassenen erfolgte. Die Zahl der baugewerblichen Berufe ging erheblich zurück und Mädchen gingen fast gar nicht mehr in fremde Haushalte. Dagegen wandten sich die Jungen anderen Handwerks- und Lehrberufen zu, ebenso wie die Mädchen verstärkt weiterführende Schulen besuchten und auch Arbeit in einem Strickereibetrieb, der nach 1945 in Mengerskirchen entstanden war, aufnahmen. Die geringe Zahl der in den letzten Jahrzehnten im elterlichen Haus verbliebenen Mädchen ist auf den Rückgang der landwirtschaftlichen Betriebe zurückzuführen. Im Gegensatz zu früherer Zeit unterzogen sich die in das Baugewerbe eintretenden Jugendlichen nunmehr in der Regel einer regulären Handwerkslehre. Weiterhin dürfte die Schulgeldfreiheit, nach 1945 eingeführt, auch zu einem stärkeren Besuch der weiterführenden Schulen durch Kinder aus Mengerskirchen beigetragen haben.

Wie schon festgestellt, war der Eintritt in das Baugewerbe für manchen Volksschüler mit einem beruflichen Aufstieg verbunden. Einzelne haben sich im Laufe der Jahre einem anderen Beruf zugewandt. Viele tauschten mit zunehmendem Alter den Bauberuf mit dem eines kleinen oder größeren Bauern, in dem sie zumeist das väterliche Anwesen übernahmen. Genannt seien auch die sieben Männer, die dem Berufsstand der Bauarbeiter als Gewerkschaftssekretäre im Zentralverband christlicher Bauarbeiter Deutschlands dienten. Sie besaßen für diese Tätigkeit nur das, was ihnen die Volksschule vermittelt hatte und was sie sich im Laufe der Zeit an allgemeinem Wissen und Können angeeignet hatten. Die Arbeit setzte Begabung in Wort und Schrift und überdurchschnittliche Kenntnisse auf wirtschaftlichem, sozialem und politischem Gebiet voraus. Als Gewerkschaftssekretäre waren tätig: Johann Gräf in Frankfurt und Limburg, Josef Einig in Gladbeck, Franz Leuninger in Krefeld und Breslau, Alois Leuninger in Berlin und Köln, Wilhelm Meuser in Nürnberg und München, Wilhelm Schüssler in Freiburg und Wilhelm Schuld kurzfristig in Düsseldorf.

Nach dem zweiten Weltkrieg trat Ernst Leuninger, auch ein Volksschüler, in die neugebildete Einheitsgewerkschaft ein und bekleidete dort wichtige Funktionen. Er war außerdem während einiger Legislaturperioden Mitglied des Hessischen Landtages und übernahm später das Amt des geschäftsführenden Direktors der Landesversicherungsanstalt Hessen.

Die Schule im Schloß

Die Raumfrage ist seit alters her ein Problem für die Schule in Mengerskirchen gewesen. Das in 1752 neuerrichtete Schulhaus an der Kirche erwies sich schon nach wenigen Jahrzehnten als zu klein. Deshalb erwarb die Gemeinde 1818 das Schloß, in welchem durch bauliche Veränderungen die erforderlichen Schulräume hergerichtet wurden. Hierzu meint Hörpel, daß die Jugend des Fleckens den Vorzug genoß, an historischer Stätte unterrichtet zu werden. (88 ) Insoweit war die Schule in Mengerskirchen fast allen Landschulen überlegen.

Indessen stellten zu jeder Zeit Licht und Heizung ein Problem dar. Die in früherer Zeit mit Holz beheizten Öfen spendeten in dem aus Basaltmauern errichteten Gebäude im Winter nur ungenügend Wärme, und die verhältnismäßig kleinen Fenster mit tiefen Nischen ließen das Tageslicht, zumal bei trüber Witterung, nur unzulänglich in die Unterrichtsräume fallen. Hier trat erst mit der elektrischen Stromversorgung des Fleckens 1923 eine Besserung ein, während das Heizproblem auch nicht durch die spätere Verwendung neuzeitlicher Ölöfen gelöst wurde.

Eine bauliche Förderung erfuhr die Schule des Fleckens in 1926 durch die innere und äußere Erneuerung der Schulräume in Schloß. Die Räume wurden heller, auch wurde das gewaltige Dach erneuert. Da es schon im Schuljahr 1913/14 zu einer vierten Klasse kam, schaffte man einen zusätzlichen Klassenraum. Ebenso wurden zwei Wohnungen für Lehrer mit Familie hergerichtet. Die Gemeinde investierte unter der fortschrittlichen Leitung von Bürgermeister Schneider fast 40. 000, -Mark, eine für damalige Zeiten beachtliche Summe. Zu der Finanzierung bedurfte es des Einschlages eines großen Fichtenbestandes auf dem Knoten. Auch die Innenausstattung der Räume wurde erheblich verbessert. Anstelle der uralten Bänke mit tiefen Rillen traten moderne Sitzbänke. Dazu kamen neue Landkarten, einfache physikalische Geräte und anderes Anschauungsmaterial für die naturkundlichen Fächer. Trotzdem erklärte bei der Besichtigung des Schlosses der damalige Baudezernent des Regierungspräsidenten in Wiesbaden, daß die Unterbringung der Schule im Schloß nur ein Notbehelf sei.

Die Ziele der Schule

Nach den preussischen Schulbestimmungen führte der Ortsgeistliche als Ortsschulinspektor im Einvernehmen mit dem Kreisschulrat die Aufsicht über die Schule aus, was auch die Aufsicht über das dienstliche und außerdienstliche Verhalten der Lehrpersonen, obwohl diese Staatsbeamte waren, einschloß. Auf die äußere und innere Verfassung der Schule übten Staat und Kirche einen bestimmenden Einfluß aus. Ziel des Unterrichtes war es, auf den Schüler einzuwirken und ihm die Kenntnisse und Fertigkeiten beizubringen, deren er zu seiner "irdischen und himmlischen Bestimmung " bedurfte.

Obwohl schon im Jahre 1908 ministerielle Bestimmungen forderten, in dem Schulunterricht nicht das Heil zu sehr in der Einprägung von Kenntnissen zu suchen, sondern mehr auf eine aktivere Betätigung der Kinder bedacht zu sein, blieb die Schule mehr oder minder eine Lernschule. In diesem Zusammenhang ist eine Veröffentlichung im Kreis- und Amtsblatt für den Oberlahnkreis vom B. Juli 1872 interessant, in der es heißt, daß nach einer Verfügung der Königlichen Regierung zu Wiesbaden "der Turnunterricht in sämtlichen Elementarschulen als obligatorischer Unterrichtsstoff eingeführt und zu diesem Zweck von den Gemeinden Turnplätze und Turngeräte beschafft werden sollen. In kleineren Gemeinden haben die Geräte wenigstens in einem Reck und einem Barren von starkem und dauerhaften Holz zu bestehen."

Dieser Vorgang spricht dafür, daß die Schulverwaltung unter preussischer Herrschaft bemüht war, auch die Volksschulen zu fördern. Inwieweit die Volksschule in Mengerskirchen den Auftrag der genannten Verfügung verwirklicht hat, ist nicht feststellbar. Allerdings befand sich dort im Schulhof bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ein standfestes aus Eiche bestehendes Holzgerät, das als Reck zu bezeichnen ist. Ein Schüler, der von 1909 bis 1917 die Schule besuchte, hat nur ein einziges Mal gesehen, daß unter Aufsicht des Lehrers ältere Schüler daran Turnübungen machten. Der Stundenplan sah damals übrigens keine sportlichen Übungen vor.

Erst die Beendigung des ersten Weltkrieges 1918 machte die Wege für neue Unterrichtsziele frei. Dabei kam es darauf an, die geistigen Kräfte der Kinder zu wecken. Weniger Stoff, weniger Lehren, mehr Selbstdenken! Diese Bestrebungen wurden nicht zuletzt gefördert durch die aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten. Die Entwicklung ging hin zur Arbeitsschule und erfuhr noch eine Verstärkung durch die Abberufung des Pfarrers als Ortsschulinspektor, dessen Befugnisse nun auf einen Fachmann, nämlich den Kreisschulrat, übergingen. Ganz allmählich kam so ein neuer Geist auch in die Schule von Mengerskirchen.

Auch in anderer Hinsicht änderte sich im Laufe der Jahre manches. So kamen mit dem Einzug des Radios die Kinder nicht mehr, wie vor dem ersten Weltkrieg, mit dem Läuten zur Schule, sondern nach der Uhr. Eine elektrische Klingel im Schulhof zeigte das Ende der Pausen und der Schulstunden an. Schulzeugnisse, halbjährlich ausgestellt -früher gab es diese nur bei der Schulentlassung - informierten die Eltern über den Bildungsstand und die Leistung ihrer Kinder in der Schule. Eine Auslese nach Begabung konnte nicht erfolgen. Sie war ohnedies nicht erforderlich, denn nur ganz vereinzelt waren die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Besuch einer weiterführenden Schule gegeben.

Die pädagogischen Ansätze nach dem ersten Weltkrieg, die zur selbständigen geistigen Arbeit im Kindesalter führen sollten, die Ansätze zum Mündigsein des Menschen, wurden jäh unterbrochen durch die "Machtergreifung" Hitlers 1933. "Befehlen - Gehorchen", war bald die Devise auch in der Schule.

Schon 1933 wurde die bereits über zwei Jahrzehnte bestehende vierklassige Schule in eine dreiklassige umgewandelt. Das Geld für Lehrpersonal wurde vom Staat für andere Zwecke gebraucht. Die Schülerzahl hatte sich gegenüber früher nicht verändert. Sie lag bei 240 und mehr und mußte nun wieder in drei Klassen unterrichtet werden, was mitunter zu Klassenstärken von 80 und mehr Kindern führte. Die untere Klasse, welche zwei Schuljahrgänge umfaßte, hatte entsprechend weniger Kinder. Erst nach Beendigung des zweiten Weltkrieges konnten die hoffnungsvollen Ansätze für einen neuen Geist in der Schule wieder aufgenommen werden. Mit Energie wurde die eingeleitete Entmündigung wieder aufzuheben versucht. Als Ziel galt die Erziehung der Kinder zu freien Menschen. Hierzu gehörte der Respekt vor der Menschenwürde, die körperliche Bestrafung in der Schule nicht zuließ. (89)

Die Lehrer

Der erste Lehrer in dem in Rede stehenden Zeitraum war Johannes Wengel, und zwar von 1864 bis 1894. Nach mündlichen Äußerungen von älteren Mitbürgern, die zu ihm in die Schule gegangen sind, hat er sich eines guten Rufes erfreut. Da die Schule schon seit 1821 einen zweiten Lehrer hatte, leitete Wengel die Schule. Sein Nachfolger im Amt war Johannes Hilger aus Mengerskirchen, der schon seit 1885 an der dortigen Schule unterrichtete. Er verstarb im Jahre 1929. Als die Schule vor der Jahrhundertwende dreiklassig wurde, stand der neugebildeten Klasse eine Lehrerin namens Ohl vor.

Durch Versetzungen wechselten im 20. Jahrhundert die Lehrkräfte an der Schule in Mengerskirchen oft, so daß es nicht opportun erscheint, sie an dieser Stelle alle namentlich aufzuführen. Es sollen deshalb nur die genannt werden, die durch ihr Amt oder ihre Person einen besonderen Bezug zur Volksschule des Fleckens haben.

Die Hauptlehrer nach Hilger:

1929 - 1949 Franke
1949 - 1957 Pohlner
1959 - 1964 Seidel
 ab 1964 Horz als Rektor

 

Es seien noch genannt Josef Schermuly aus Mengerskirchen, der seit 1947 Lehrer an der Schule ist, und Josef Schnorr, ebenfalls ein Mengerskirchener Bürger, der von 1946 bis 1947 Lehrer der Schule war. Gottfried Maxeiner war von 1921 bis zu seiner Versetzung nach Wetzlar in 1939 Lehrer an der Volksschule in Mengerskirchen. Erlebt seit seiner Pensionierung wieder im Flecken. Die Lehrerin Fräulein Hannappel war eine nahe Verwandte des früheren Pfarrers Hannappel in Mengerskirchen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts unterrichtete sie immer die "Kleinsten" bis zu ihrer Versetzung in den Ruhestand Mitte der zwanziger Jahre.

Der Weg in die weiterführenden Schulen
- Bischöfliche Konvikte -

Bei der Darstellung von Möglichkeiten für Mengerskirchener Volksschüler zum Besuch weiterführender Schulen in früherer Zeit ist auf eine Einrichtung zu verweisen, die von kirchlicher Seite geschaffen wurde. Der Anstoß dazu ging von einem Rundschreiben des Bischofs von Limburg aus dem Jahre 1848 aus, das die Errichtung eines Knabenseminars betraf. In diesem heißt es: "Seit dem Antritt Unseres Bischöflichen Amtes hegen wir das sehnlichste Verlangen nach einer Pflanzschule des Klerus in dem Geiste und Sinne unserer heiligen Kirche, welche in der 23. Sitzung des Konziliums von Trient angeordnet hat, daß in jeder Diözese eine dem Bedürfnis entsprechende Anzahl von Knaben, deren Anlage und Neigung zur Hoffnung berechtigen, daß sie sich für immer dem Kirchendienst widmen werden, unter der obersten Aufsicht und Leitung des Bischofs gemeinschaftlich, und zwar nach Maßgabe des elterlichen Vermögens teils gegen eine größere oder geringere Vergütung, teils unentgeltlich, verpflegt und für ihren erhabenen Beruf erzogen und unterrichtet werden sollen. " ( 90 )

Aus den aufgeführten Anregungen des Bischofs ergibt sich, daß er eine Schule im Auge hatte, die ausschließlich der Heranbildung des Klerus dienen sollte. Dazu ist es indessen nicht gekommen. Vielmehr wurden in den Kleinstädten Montabaur und Hadamar nichtkirchliche öffentliche Gymnasien geschaffen, die aber eine erhebliche Förderung von kirchlicher Seite erfuhren, und zwar durch die Einrichtung von sogenannten Bischöflichen Knabenkonvikten, die man als Heime für solche Schüler bezeichnen kann, welche nicht am Schulort wohnten und daher auf eine Heimunterbringung angewiesen waren. Diese Einrichtung wurde nicht nur von den Schülern und den Erziehungsberechtigten sehr geschätzt, sondern auch von den Schulen. So heißt es in bezug auf den schnellen Aufstieg, den das Gymnasium in Montabaur zu verzeichnen hatte: "Daß auch die Schüler das Ihre leisteten, dafür sorgte das von Anfang an mit der Anstalt verbundene Bischöfliche Konvikt, 1866 eingerichtet, das einen beträchtlichen Teil der Schüler unter geistlicher Leitung beherbergte und zu guter Zucht und regelmäßiger Arbeit anhielt. " ( 91 )

Für Mengerskirchen dürfte das Hadamarer Konvikt die größere Bedeutung gehabt haben wegen der geringeren Entfernung. Die Bedingungen für die Aufnahme in ein Konvikt waren günstig. Es heißt: "Wie aus Berichten jener Zeit hervorgeht, flossen dem Konvikt reichlich Spenden zu. " Ein Vorgang, der auch manchem Konviktzögling zugute kam. Aus dem Inhalt des Bischöflichen Sendschreibens 1848 ist zu entnehmen, daß auch Knaben unvermögender Eltern dort untergebracht werden konnten. In der Praxis war es wohl anders, nicht zuletzt auch wegen der in jener Zeit in manchen Kreisen bestehenden Vorurteile gegenüber ärmeren Schichten.

Das Verhältnis der Schüler zu den Konvikten wurde von Anfang an durch entsprechende Vorschriften geregelt. So hatte jeder Junge beim Eintritt in das Konvikt mitzubringen: "1 Kappe, 2 Oberröcke, 2 lange Beinkleider, 2 Westen, 2 Halsbinden, 6 Hemden, 6 Paar Socken, 2 Unterbeinkleider, 6 Sacktücher, 3 Paar Schuhe, 1 Kamm, 1 Zahnbürste, 1 Paar Pantoffeln, ferner 1 Oberbett und 1 Unterbett mit Kissen und Bezügen. Die Bettlade und den Strohsack stellt die Anstalt. " ( 92 ) Für die Verpflegung im Konvikt war für das Quartal eine Pensionspreis von 250 fl. (250 Gulden) festgesetzt. Im Notfall nahm das Haus auch Naturalien entgegen. (93 )

Den vorstehend aufgeführten Bedingungen ist zu entnehmen, daß zu jener Zeit nur ein ganz geringer Prozentsatz der Bürger von Mengerskirchen über die materiellen Voraussetzungen verfügte, einen Sohn in das Bischöfliche Konvikt nach Hadamar zu schicken.

Die Bischöflichen Konvikte sollten ursprünglich der Heranbildung des Klerus dienen. Sicherlich ist dieses Ziel im Laufe der Jahre durch den offenbar starken Andrang beeinträchtigt worden. Ein Erlaß des Bischöflichen Ordinariats untersagte Ostern 1928 den Konvikten die Aufnahme von Schülern, die nicht Theologen werden wollten. Diese Maßnahme wurde  jedoch nach einem Jahr rückgängig gemacht.

Im März 1939 wurde das Konvikt in Hadamar durch die NSDAP einer anderen Bestimmung zugeführt. Hierdurch wurden auch drei Schüler aus Mengerskirchen unmittelbar betroffen. Als Gründe für die Schließung des Konviktes "führt die Gestapo an, daß die leitenden Geistlichen ihrer Erziehungsaufgabe und Aufsichtspflicht nicht genügend nachgekommen seien". Die Geistlichen wurden verhaftet und 13 Tage gefangen gehalten. "Die Schüler durften drei Tage das Haus nicht verlassen und wurden dann nach Verhören durch die Gestapo nach Hause geschickt (94)

Über das Bischöfliche Konvikt in Hadamar sind im Laufe der Jahrzehnte junge Menschen aus Mengerskirchen, wenn auch vereinzelt, in die Lage versetzt worden, sich einem Studium, und zwar vorwiegend dem der Theologie, zu widmen, letztere in der Absicht, Priester zu werden. Diese Ausbildung warf hinsichtlich der Finanzierung mitunter für die Familie des Studierenden Probleme auf, die durch die Aufnahme von Darlehen u. ä. überbrückt werden mußten.

Lehrerausbildungsstätten

In der Lehrerbildungsanstalt in Montabaur erhielten in den Jahren von 1874 bis 1887 vier Volksschüler aus Mengerskirchen ihre Ausbildung. Franz Wengel, der von 1864 bis 1896 Lehrer in Mengerskirchen war, ging auch aus der vorgenannten Anstalt hervor, ebenso sein Nachfolger Johannes Hilger aus Mengerskirchen. ( 95 ) Letzterer bereitete sich in Fritzlar in der dortigen Präparandenanstalt auf den Besuch des Seminars in Montabaur vor.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts bestanden in Montabaur Einrichtungen für die Ausbildung von Lehrern. Diese zu Beginn unzulänglichen Ausbildungsstätten wurden im Laufe des Jahrhunderts den Bedürfnissen entsprechend umgestaltet und weiter entwickelt. Am Ende dieser Entwicklung stand das Lehrerseminar, dessen Besucher ab 1887 in einer dortigen Präparandenanstalt eine dreijährige Vorbildung erhielten; der Besuch des Lehrerseminars dauerte ebenfalls drei Jahre. Das Schulgeld wurde 1889 auf 100, -- Mark jährlich festgesetzt, wovon mindestens 10 % würdigen und bedürftigen Schülern zugute kamen. Die in dem Internat untergebrachten Schüler hatten für die Verköstigung täglich 60 Pfennige zu zahlen. Die in Privatquartieren untergebrachten Seminaristen zahlten dagegen für Kost und Wohnung täglich 1, 40 Mark. ( 96 ) Die Präparandenanstalt wurde 1923 aufgehoben, das Lehrerseminar 1926. Nun mußten Schüler, die Lehrer werden wollten, nach Verlassen der Volksschule ein Gymnasium besuchen und anschließend die Pädagogische Akademie.

Außer den bereits Genannten sind in späteren Jahrzehnten an den Lehrerbildungsanstalten in Montabaur weitere Mengerskirchener Volksschüler als Lehrer ausgebildet worden. Ebenfalls vereinzelt besuchten Schüler aus Mengerskirchen höhere Schulen auch an anderen Orten, wo sie in der Regel bei Verwandten wohnen konnten, um so höhere Kosten zu ersparen. Einer von diesen erfuhr seine Ausbildung zum Lehrer sogar in Oberglogau in Schlesien. Ein anderer wurde über ein Alumnat in Boppard der weiterführenden Schule zugeleitet.

Das Gymnasium in Weilburg

Erst im .Jahre 1939 trat in den Möglichkeiten zum Besuch weiterführender Schulen ein grundlegender Wandel für Mengerskirchen ein. Von da ab besuchten die ersten Schüler das Gymnasium in Weilburg. Sie wird man als Pioniere in diesem Bereich bezeichnen können. Die Entwicklung zeigt aber auch eindeutig, daß der seitherige geringe Besuch weiterführender Schulen nicht in einer mangelnden Bildungsbereitschaft der Bevölkerung des Fleckens zu suchen ist, sondern durch die Verhältnisse bedingt war. Pfarrer Johannes Spitzhorn hat diese Entwicklung beachtlich gefördert, und zwar dadurch, daß er Schüler, die höhere Schulen besuchen wollten, in Fremdsprachen unterrichtete, so daß sie in die z. oder 3. Klasse aufgenommen werden konnten.

Der Volksschüler Bernhard Buckard aus Mengerskirchen, der später das Gymnasium in Weilburg besuchte, berichtet aus seiner Erinnerung folgendes: "Als zum Schuljahrbeginn 1939 das Konvikt in Hadamar durch die NSDAP aufgelöst wurde, war der Besuch des dortigen Gymnasiums durch Schüler von Mengerskirchen nicht mehr möglich, da es an entsprechenden Verkehrsmöglichkeiten fehlte. Ich legte daher zu Ostern 1939 meine Aufnahmeprüfung am Weilburger Gymnasium ab und wurde auf Grund meiner Vorbereitung durch Pfarrer Spitzhorn in die dritte Klasse aufgenommen. Drei weitere Schüler aus Mengerskirchen, die bis dahin das Hadamarer Gymnasium besucht hatten, wechselten ebenfalls zum Gymnasium nach Weilburg über.

Zunächst bestand zwischen Mengerskirchen und Weilburg keine geeignete Verkehrsmöglichkeit, so daß die Schüler den Weg zur Schule mit dem Fahrrad zurücklegen mußten. Die Hinfahrt war in 1/2 Stunde zu schaffen; der Weg zurück dauerte dagegen 1 1/2 Stunden, denn es ging dabei meist bergauf.

Ende 1939 richtete die Post eine zusätzliche Linie ein. Die Schülerwochenkarte kostete 3, 60 Mark. Die Abfahrt in Mengerskirchen war um 6. 45 Uhr und die Rückfahrt ab Weilburg um 13. 45 Uhr. Der Bus fuhr abwechselnd entweder über Winkels, Probbach, Löhnberg oder über Waldernbach, Rückershausen, Reichenborn, Barig, Merenberg. Da mit dem gleichen Bus auch Erwachsene zum Einkauf usw. fuhren, war derselbe zumeist überfüllt. Die Schüler boten den Erwachsenen ihre Plätze an; dennoch konnte man von dem Fahrer oder auch von den Mitfahrenden hören "die Schüler können stehen, die haben den ganzen Vormittag gesessen".

Die Postbusse waren damals zumeist in keinem guten technischen Zustand und sehr reparaturanfällig. Mitunter kam aus Löhnberg, wohin der Bus schon in der Frühe Arbeiter gefahren hatte, der Anruf des Fahrers nach Mengerskirchen: "Liege in Löhnberg, habe Motorschaden und muß in die Werkstatt." In diesen Fällen mußte auf das Fahrrad zurückgegriffen werden, mit dem es dann in halsbrecherischer Fahrt nach Weilburg ging, um keinen Unterricht zu versäumen. Im Winter häuften sich die Ausfälle des Busses. Schon bei relativ wenig Schnee oder Eis kam der Bus nicht zurück, wobei nicht selten der Eindruck entstand, daß es manchmal am guten Willen gefehlt hat, die Fahrt durchzuführen. In späterer Zeit benutzten ältere Schüler auch das Motorrad.

Im strengen Winter 1940/41 kam der Verkehr zwischen Mengerskirchen und Weilburg vollständig zum Erliegen. Bedingt durch Kohleknappheit fand der Unterricht in Weilburg an jedem zweiten Tag von 8.00 bis 15.00 Uhr statt. Die Schüler gingen damals zu Fuß oder liefen mit Skiern querfeldein bis nach Löhnberg (15 km), um von dort mit der Eisenbahn nach Weilburg zu fahren. In der Dunkelheit morgens um 5.00 Uhr erfolgte der Abmarsch von Mengerskirchen und im Dunkeln kam man wieder zu Hause an. In einem Zeugnis zu Ostern 1941 steht unter der Rubrik 'Bemerkung' : 'Der Schüler hat trotz schwierigster Wegeverhältnisse nicht eine Stunde versäumt. '

Ähnliches weiß ein Volksschüler zu berichten, der nach der Schulentlassung in 1943 mit Schulkameraden aus Mengerskirchen die Handelsschule in Wetzlar besuchte, weil es weder in Weilburg noch in Limburg eine entsprechende Möglichkeit gab. Er schreibt: "Wir fuhren etwa um 5. 15 Uhr mit dem Postbus von Mengerskirchen nach Löhnberg. Dort mußten wir eine halbe bis dreiviertel Stunde im Wartesaal verbringen, bis wir mit dem Zug nach Wetzlar fahren konnten, wo wir auch wieder eine erhebliche Zeit bis zum Schulbeginn hatten. Mittags fuhren wir etwa um 14. 00 Uhr mit dem Bus zurück. In 1944 fuhr in der Frühe überhaupt kein Bus mehr von Mengerskirchen in Richtung Löhnberg, so daß wir Handelsschüler entsprechend früh nach Winkels laufen mußten, um dort den Bus zu erreichen. Im Herbst 1944 stellte die Handelsschule in Wetzlar den Unterricht ein, weil die Schüler als Flakhelfer eingezogen wurden und die Schülerinnen in der Rüstungsindustrie arbeiten mußten. Uns Westerwälder hatte man allerdings bei dieser Aktion wohl vergessen.

Da ich weiter eine höhere Schule besuchen sollte, erhielt ich bei Pfarrer Spitzhorn Sprachunterricht in Englisch und Latein und konnte dann am 7.11.1945, als das Gymnasium in Weilburg den Unterricht wieder aufnahm, in die Obertertia eintreten. Damit sparte ich zwei Jahre Schulzeit."

Die zum Teil starken Winter in den Kriegsjahren 1938/45 brachten zusätzlich Erschwernisse für die Schüler, die auswärts weiterführende Schulen besuchten, mit sich. Diese bestanden nicht nur in den beschränkten Verkehrsmöglichkeiten, sondern auch in den Gefahren durch feindliche Flugzeuge, die in der letzten Phase des Kriegsgeschehens die Verkehrswege gefährdeten. Zu alldem kam noch der Ausfall von Unterrichtsstunden durch Heizmaterialmangel, der sich bis in das Schuljahr 1948/49 bemerkbar machte.

Den Schülern aus Mengerskirchen, die das Gymnasium besuchten, zollte Dr. Heinrich Schwing, ehemals Direktor dieser Schule, besondere Anerkennung für ihre Haltung in der damaligen Zeit. Er äußerte sich wie folgt: "Manchen Schülern war, es wegen der Verkehrsschwierigkeiten ganz unmöglich, zur Schule zu kommen, vor allem Omnibus- und Radfahrern. Besonders anerkennend war, daß die Schüler aus Mengerskirchen, um nicht zu viel zu versäumen, in geschlossenem Trupp vom Westerwald herunterkamen und wieder heimkehrten." (97 )

Im letzten Kriegsjahr konnten Schüler aus Mengerskirchen die unteren Klassen eines Frankfurter Gymnasiums, das aus kriegsbedingten Gründen im Hildegardishof in Waldernbach untergebracht war, besuchen.

Eine wesentliche Erleichterung für den Besuch weiterführender Schulen trat für Mengerskirchener Volksschüler nach 1945 mit dem Ausbau des Omnibusverkehrs nach Weilburg und Limburg ein. Welche Rolle der Busverkehr in der darauffolgenden Zeit spielte, ersieht man daraus, daß an den Schultagen im Jahre 1972 täglich mehr als 80 Jugendliche die Omnibusse nach Weilburg benutzten, unter ihnen auch Lehrlinge und Jungarbeiter. Die in der Ausbildungsstatistik aufgeführten Jahrgänge 1957 und 1967 weisen verhältnismäßig wenige Schüler, die weiterführende Schulen besuchten, auf. Das ist durch die schematische Auswahl der Jahrgänge bedingt. Mit anderen Jahrgängen zusammen ergibt sich ein anderes Bild. So besuchten von den 25 Volksschülern des 4. Schuljahres 1964 je zwei die Realschule und das Gymnasium. In 1969 waren es bei gleicher Klassenstärke fünf Realschüler und sieben Besucher des Gymnasiums, und im 4. Schuljahr 1973/74 wechselten von 42 Schülern acht zur Realschule und elf zum Gymnasium über. ( 98 ) An dieser Stelle sei auch auf die Tatsache hingewiesen, daß von 1946 bis 1974 am Weilburger Gymnasium 27 ( 99 ) und an anderen Schulen zwei Schüler die Reifeprüfung ablegten. Fünf waren es in 1975. Eine weitaus größere Zahl verließ mit der Mittleren Reife das Gymnasium oder die Realschule.

Im letzten Jahrzehnt besuchten auch Schüler Handels- und andere Fachschulen in Weilburg, Limburg und Wetzlar sowie das Gymnasium in Limburg.

Die neue Schule

Trotz der Tatsache, daß schon seit Jahren, ja Jahrzehnten auch höhere Schulverwaltungsorgane dĽ.e Unterbringung der Schule im Schloß als höchst unzulänglich bezeichneten, kam es verhältnismäßig spät zu Aktionen und Maßnahmen, die auf einen Schulneubau hinwirkten. Es waren ja nicht nur die zu kleinen Unterrichtsräume, welche zu beanstanden waren. Es fehlte auch an Lehrmittel-, Fach- und Gruppenräumen, die Toilettenanlagen waren mehr als veraltet und der Schulhof ganz und gar nicht den Bedürfnissen entsprechend.

Erst Anfang der 60er Jahre wurden zunächst von einer politischen Gruppe Initiativen entwickelt, die auf eine Änderung der Schulverhältnisse hinzielten. In diesem Rahmen unternahm man auch den Versuch, Winkels, das sich ebenfalls mit dem Neubau einer Schule im Ort beschäftigte, für einen gemeinsamen Schulneubau der beiden Orte zu gewinnen, der aber scheiterte. Die weitere Entwicklung schildert Rektor Horz so: "Seit Anfang der 60er Jahre waren die Gemeindegremien bemüht, eine neue Schule für Mengerskirchen zu schaffen. 1965 war Mengerskirchen als Standort für eine Hauptschule vorgesehen. Mengerskirchen, Waldernbach und Probbach schlossen sich zu einem Schulverband zusammen, es fehlten noch Dillhausen und Winkels. Dann kam es zur neuen Schulkonzeption für den Westerwaldraum. 1969 wurde im Kreistag festgelegt, daß Mengerskirchen eine zweizügige Grundschule erhalten sollte. Doch trotz unserer bedrückenden Schulraumverhältnisse ließ der Baubeginn auf sich warten. "

Der entscheidende Anstoß zur Errichtung einer neuen Schule ging von der Kreistagssitzung am 19. April 1971, die in der Gesamtschule Weilmünster stattfand, aus. Zu Punkt 9 der Tagesordnung berichtete der Landrat als Vorsitzender des Kreisausschusses auf Antrag des damaligen Kreistagsabgeordneten aus Mengerskirchen über die Grundschule Mengerskirchen. Der Bericht führte zu einer eingehenden Aussprache, an der sich insbesondere zwei Abgeordnete aus dem Raum Mengerskirchen beteiligten. Hierbei hob der Antragsteller hervor, daß, wenn es in Hessen eine Grundschule gebe, die sich in einem schlechteren Zustand befinde wie die von Mengerskirchen, diese dann zuerst gebaut werden möge.

Es kam dann nach einem entsprechenden Beschluß des Kreistages zur Bildung einer Delegation aus Mitgliedern des Kreistages, der auch zwei Mitglieder des Schulelternbeirates aus Mengerskirchen angehörten, die nach ganz kurzer Zeit ein Gespräch mit den zuständigen Regierungsstellen in Wiesbaden führte, das von dieser Seite gut vorbereitet war und den alsbaldigen Beginn des Schulneubaues erkennen ließ. Am 1. März 1972 erfolgte der erste Spatenstich durch den 1. Kreisbeigeordneten Macherey. Bereits schon am 19, Oktober konnte das Richtfest gefeiert werden und genau nach 16 Monaten Bauzeit war die Schule fertiggestellt. Sie ist als zweizügige Grundschule konzipiert, hat acht Klassenräume mit vier Nebenräumen, die von je zwei Klassen genutzt werden können. Vorgesehen sind weiter auch zwei Räume für Vorschulklassen. Der obere Trakt der neuen Grundschule enthält die Klassen-, Lehrmittel- und Fachkunderäume. Im Erdgeschoß befinden sich das Informations- und Versammlungszentrum, die Verwaltungsräume, Lehrerzimmer und Büchereien, sowie ein naturkundlicher Raum. Für jeden Stock gibt es auch die erforderlichen sanitären Anlagen, Abstellräume und Kleiderablagen. Zu dieser großzügigen und räumlichen Ausstattung gehört auch eine Turnhalle mit Nebenräumen.

Die Namensgebung

Der Kreistag beschloß in seiner Sitzung vom 16. April 1973, der neuen Schule den Namen Franz-Leuninger-Schule zu geben. ( 100 ) Franz Leuninger, 1898 in Mengerskirchen geboren, ging nach seiner Schulentlassung ins Baugewerbe und wurde Maurer. Alsbald schloß er sich dem Zentralverband christlicher Bauarbeiter Deutschlands an und wurde von diesem bereits 1924 als Gewerkschaftssekretär in den Raum Aachen und Euskirchen berufen und ging später in gleicher Funktion nach Krefeld. Von dort erfolgte in 1927 seine Versetzung nach Breslau als Bezirksleiter des Verbandes für ganz Schlesien. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften in 1933 übernahm er die Geschäftsführung der Siedlungsgesellschaft "Deutsches Heim" in Breslau. Schon frühzeitig schloß er sich dem Widerstand gegen Hitler an und wurde im Zusammenhang mit den Vorgängen "20. Juli 1944" von der Gestapo verhaftet. Am 28. Februar 1945 erging vom Volksgerichtshof ein Todesurteil gegen ihn, das am 1. März 1945 in Berlin Plötzensee vollstreckt wurde.

In der Aussprache über die Namensgebung im Kreistag sagte der Vorsitzende Dr. Brodt unter Verweisung auf die Schrift "Franz Leuninger zurre Gedenken" in bezug auf Franz Leuninger: "Daß es im Oberlahnkreis einen von den wenigen gab, die bereit waren, ihre Überzeugung mit dem Leben zu untermauern, eine Überzeugung gegen das damals unmenschliche System, und wir wissen, wie wenige es bis zu dieser Konsequenz mit ihrer inneren Einstellung gegen dieses System ernst nahmen. "

Der Abgeordnete Willibald Müller, Waldernbach, begrüßte die Namensgebung und sprach von dem revolutionären Geist, der ganz besonders im nördlichen Westerwald in der Nazizeit vorhanden war. Das habe sich gerade in Mengerskirchen bei politischen Abstimmungen mit ihren hohen Nein-Stimmen gegen die Hitlerdiktatur gezeigt, was allerdings nazistischen Terror auch in anderen Orten des "schwarzen" Westerwaldteiles zur Folge gehabt habe. Wörtlich fügte er hinzu: "Hier wird durch die Person Franz Leuninger auch der Geist derjenigen, die mit diesem Regime seinerzeit nicht einverstanden waren und den Mut hatten, dies auch zu bekennen, gewürdigt dadurch, daß man dieser Schule den Namen Franz-Leuninger-Schule gibt. " (101 )

Franz Leuninger bat sein ganzes Leben den sozialen Bereichen gewidmet und nicht zuletzt der Jugend. So schreibt ein ehemaliger Oberlehrer am Breslauer Jugendgefängnis in einem Brief, daß Leuninger ein Mann gewesen sei, wie er ihn sich für seine Jugendlichen im Gefängnis dringend gewünscht habe. "Er hielt keinen Vortrag, offen und frei ging er auf Gegenwartsprobleme ein, nicht als Beamter oder Schulmeister, hier stand der geborene Pädagoge und Psychologe, ohne daß er es selbst wußte, mit seiner Lebenserfahrung. Darüber hinaus hat er noch manchem Entlassenen eine Arbeitsstelle vermittelt. Er kam oft ins Jugendgefängnis, sein Repertoire war unerschöpflich. Wenn er keine Zeit hatte, schickte er einen seiner Mitarbeiter." ( 103)

Ein freundschaftliches Verhältnis hatte Franz Leuninger zu Prälat Schönauer, das bis zu seinem Lebensende bestand. Begonnen hatte es im Rahmen der Jugendarbeit des Prälaten als Kaplan in einer Breslauer Pfarrei. Dort baute Schönauer den Jungmännerverein auf, der in kurzer Zeit bis auf 600 Mitglieder anwuchs. Hierzu sagt Schönauer: "Franz hat mich bei dieser Arbeit nachhaltig unterstützt, dadurch, daß er mir in sozialen Angelegenheiten zur Seite stand. "

Die Einweihung der neuen Schule

Den Einweihungsfeierlichkeiten der neuen Schule am 31. August 1973 ging ein Abschied der Schüler und der Lehrerschaft an der alten Schule voraus. Hierzu versammelte man sich im Schloßhof zu einer kleinen Feier, im Verlauf derer Rektor Horz in einer kurzen Ansprache darauf verwies, daß in der Schule im Schloß im Verlauf von 155 Jahren über 4.500 Schüler von etwa 65 Lehrpersonen unterrichtet und erzogen worden seien.

Darauf zogen die Schüler, Blumen und Girlanden tragend, unter Vorantritt eines Schülerfanfarenzuges in die neue Schule. Landrat Schneider als Repräsentant des Oberlahnkreises, der ja Träger der neuen Schule ist, konnte in seiner Ansprache die Schüler, deren Eltern, die Lehrerschaft, viele Gäste und Ehrengäste begrüßen. Dazu gehörten neben den nächsten Angehörigen von Franz Leuninger Regierungsdirektor Friedrichs als Vertreter der Landesregierung, Schulrat Eschholz, Bundestagsabgeordneter Walter Leisler-Kiep, die Landtagsabgeordneten Klocksin und Dr. Loew, Minister a. D. Albert Wagner, mehrere Mitglieder des Kreisausschusses und des Kreistages, darunter Kurt Leuninger, der Sohn eines Vetters von Franz Leuninger; Bürgermeister Stargardt vertrat die Gemeinde und Alfred Schäfer den Elternbeirat.

Die kirchliche Weihe der Schule nahm Pfarrer Giesen als Pfarrvertreter vor. Er sah in dem vorweggegangenen Zug der Kinder symbolisch einen evolutionären Übergang vom Alten zum Neuen. Die Feier wurde umrahmt von gesanglichen Darbietungen des Schülerchores und dem Volkstanz einer Mädchengruppe. Auf "zünftige" Weise erfolgte die Schlüsselübergabe. Dabei handelte es sich um ein Riesenexemplar von Schlüssel, überreicht von Architekt Helmuth Müller, Kriftel/Taunus, dem der Entwurf und die Planung der Schule übertragen worden waren, an den Schulleiter über Baudirektor Knaust und Landrat Schneider.

Die Gesamtschülerzahl betrug am Tage des Einzuges 190. Davon besuchten 137 die Grundschule, die jahrgangsmäßig gegliedert ist und vier Schuljahre umfaßt. Die zwei Hauptschulklassen besuchten 53 Kinder. In der Klasse V sind das 5. und 6. Schuljahr, in der Klasse VI das 7. und B. Schuljahr zusammengefaßt. Die Schüler des 9. Schuljahres besuchen die Albert-Wagner-Schule in Merenberg.

Die Schüler an der Schule in Mengerskirchen werden in den Elementarfächern von fünf Lehrern und einer Lehrerin unterrichtet; für den technischen Unterricht sind zwei Lehrkräfte eingesetzt. Die Leitung der Schule liegt in den Händen von Rektor Horz aus Probbach, dem Lehrer Josef Schermuly aus Mengerskirchen als Konrektor beigegeben ist.

 

ORTSTEIL I DER GROSSGEMEINDE MENGERSKIRCHEN

Mit der Bildung der Großgemeinde Mengerskirchen, die am 31. Dezember 1970 rechtswirksam wurde, verlor der Flecken seine kommunalpolitische Selbständigkeit. Diesem Vorgang gingen seitens der Landesregierung nachhaltige Bemühungen für ganz Hessen voraus, kleinere Gemeinden zu einem Zusammenschluß in sogenannte Großgemeinden zu bewegen. Dabei war das bestreben erkennbar. dieses Ziel auf freiwilliger Grundlage zu erreichen. So stellte sie finanzielle Vorteile in Aussicht, die in der Erhöhung der Schlüsselzuweisung bestehen. Ursprünglich war man bemüht, auch andere Orte, insbesondere Rückershausen und Arborn, für einen Anschluß an die Großgemeinde Mengerskirchen zu gewinnen. Dies gelang aber nicht, so daß sich die neue Gemeinde auf die Orte Dillhausen, Mengerskirchen, Probbach, Waldernbach und Winkels beschränkte.

Der Zusammenschluß setzte die Zustimmung der einzelnen Gemeindevertretungen voraus. Die Gemeindevertretung von Mengerskirchen befaßte sich erstmals am 19.11.1970 offiziell mit der Bildung einer Großgemeinde mit dem Verwaltungssitz 1Vlengersl;ii-chen, zu der neben den heutigen Ortsteilen auch Rückershausen "und gegebenenfalls weitere Gemeinden" gehören sollten. Indessen blieb ein entsprechender Beschluß ohne Wirkung, da Rückershausen einer Zusammenlegung mit Mengerskirchen nicht zustimmte. Daraufhin beschlossen die Gemeindevertretungen der übrigen fünf Orte am 6.12.1970 die Zusammenlegung, deren Einzelheiten in einem "Grenzänderungsvertrag" festgehalten sind, der von den Vorständen der Gemeinden im Auftrag der Gemeindevertretungen am 7.12.1970 abgeschlossen wurde. In Paragraph 1 des Vertrages heißt es:

"Zusammenlegung, Name, Ortsbezeichnung

  1. Die Gemeinden Dillhausen, Mengerskirchen, Probbach, Waldernbach und Winkels schließen sich aus Gründen des öffentlichen Wohls im Wege der Zusammenlegung zu einer neuen Gemeinde zusammen. Die Zusammenlegung soll am 31.12.1970 rechtswirksam werden.
  2. Die neue Gemeinde soll den Namen Mengerskirchen tragen.
  3. Die Namen der seitherigen Gemeinden sollen als Ortsteilbezeichnungen weitergeführt werden. Die Ortsteilbezeichnungen werden auf den jeweiligen Ortstafeln angebracht."

Darüber hinaus regelt der Grenzänderungsvertrag alle Angelegenheiten, die sich aus der Bildung der Großgemeinde ergeben. Er sieht neben der Gemeindevertretung die Bildung von Ortsbeiräten, bestehend aus jeweils fünf Mitgliedern, für die einzelnen Ortsteile vor und legt als Sitz der Verwaltung den Ortsteil Mengerskirchen fest. Die Ortsbeiräte wirken in öffentlichen Angelegenheiten, die ihren Ortsteil betreffen, beratend mit; sie sind zu allen wichtigen Fragen zu hören. Von besonderem Interesse ist auch der umfangreiche Katalog der Investitionsmaßnahmen der Großgemeinde innerhalb der einzelnen Ortsteile, der u. a. von Kinderspielplätzen über Straßenbau, Wasserversorgung und Sportstätten bis hin zu einer Mehrzweckhalle mit Lehrschwimmbecken reicht. Insgesamt wurden von den fünf Ortsteilen 26 Projekte eingebracht.

Der Grenzänderungsvertrag legt auch Einzelheiten des Übergangs - Interimszeit - der Ortsteile in die Großgemeinde fest. Unter Anwendung einschlägiger gesetzlicher Bestimmungen ernannte der Regierungspräsident den seitherigen Bürgermeister von Mengerskirchen, Theodor Schlicht, zum Beauftragten für die Wahrnehmung der Aufgaben des Bürgermeisters und weitere fünf Bürger aus den Ortsteilen zur Wahrnehmung der Aufgaben der Beigeordneten. Für die Wahrnehmung der Aufgaben der Gemeindevertretung wurden ebenfalls fünf Bürger, aus den einzelnen Ortsteilen stammend, bestellt. Alsbald verfügte der Landrat die Durchführung einer Wahl zur Gemeindevertretung, die am 28.3.1971 stattfand.

Mit der konstituierenden Sitzung der neuen Gemeindevertretung am 23.4.1971 endeten auch die Funktionen der Beauftragten in den Gemeindegremien, außer der des Beauftragten für die Wahrnehmung der Aufgaben des Bürgermeisters.

Die Wahl des Bürgermeisters fand am B. Juli 1971 statt. Als Bewerber traten die ehemaligen Bürgermeister von Waldernbach und Probbach, Willibald Müller und Alfred Schermuly, und der Regierungsamtmann Hans Joachim Stargardt aus Bonn auf. Beim ersten Wahlgang erhielt keiner der Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit, so daß es zu einer Stichwahl kam, die Stargardt die Mehrheit der abgegebenen Stimmen brachte, der somit Bürgermeister der Großgemeinde Mengerskirchen wurde.

Die neue Gemeinde hatte in ihren fünf Ortsteilen am 15. 12.1969 insgesamt 4.726 Einwohner, die sich wie folgt verteilen:

Dillhausen   725
Mengerskirchen   1.580
Probbach   517
Waldernbach   1.016
Winkels   888

Die Gesamtfläche der Großgemeinde umfaßt 3. 087 ha, davon sind 366 ha gemeindeeigener Wald. Es entfallen auf die Ortsteile

Mengerskirchen    1. 078 ha,    davon gemeindeeigener Wald 162 ha
Waldernbach    658 ha,    davon gemeindeeigener Wald 118 ha
Dillhausen    490 ha,    davon gemeindeeigener Wald 36 ha
Probbach    490 ha,    davon gemeindeeigener Wald 40 ha
Winkels    371 ha,    davon gemeindeeigener Wald 10 ha

 

Bei der Zusammenarbeit in der Großgemeinde traten Schwierigkeiten auf, die durch parteipolitische und gruppenspezifische Interessen, nicht zuletzt aber auch durch ein übersteigertes Ortsteildenken bedingt waren. Wenn alle Bürger es damit ernst nehmen, daß die Bildung der Großgemeinde auf dem Willen beruht, das öffentliche Wohl zu fördern, kann das neue Gemeinwesen seiner Aufgabe gerecht werden.  

ANHANG

Persönlichkeiten
Karl Schäfer
Theodor Seelbach
Josef Hilpisch
Margaretha Weisenburg
Schicksale
Vor dem Sondergericht
In Haft
Die Nachricht
Gemeindebedienstete
Der Polizeidiener
Der Flurhüter
Die Nachtwächter
Die Hebamme
Der Kuhhirt
Alltag und Brauchtum
Vom "Birn schele und Hoink menge"
Die Waschfrauen
Die Backsteinmacher
Der Maulwurfsfänger
Die Lipper
"Die Schlacht auf dem Knoten"
Das Heiligenhäuschen
Die Fronleichnamsprozession
Politisches
Sicherheitspolizei im Flecken
Die Separatisten

PERSÖNLICHKEITEN

Karl Schäfer

Einen besonderen Werdegang hatte Karl Schäfer zu verzeichnen, der 1888 in Mengerskirchen geboren, dort die Volksschule besuchte und aus dieser 1902 entlassen wurde, Anschließend war er Stukkateur und Bildhauerlehrling im Baugewerbe in Westfalen. Die Lehrzeit war für ihn, wie das Leben aller jungen Menschen aus Mengerskirchen, die damals einen Beruf im Baugewerbe antraten, voll von Entbehrungen und Beschwerden. Schon sehr zeitig versuchte Karl Schäfer seinen beruflichen Status zu verbessern. Dazu reichte nach seiner Auffassung das Wissen, das er sich in der Mengerskirchener Volksschule angeeignet hatte, obwohl er ein begabter Schüler war, nicht aus. Deshalb nahm er bereits 1907 an Fortbildungsveranstaltungen der Baugewerkschule in Essen teil.

Anschließend ging er zur Baugewerkschule in Idstein. Dieser Schritt war schwer, weil er den Einsatz erheblicher Mittel voraussetzte. Auf das Drängen eines weitblickenden Verwandten und seines früheren Lehrers an der Volksschule, der die außerordentliche Begabung Karl Schäfers erkannte, vermittelte der Vater seinem Sohn einen Kredit von 1. 500, -- Mark, der diesem den Besuch der Fachschule ermöglichte. Nach beendetem Studium trat er im Jahre 1909 in die weltbekannte Firma Siemens & Halske in Berlin ein, die ihn bald mit bedeutenden Aufgaben betraute. Daneben besuchte er noch die Technische Hochschule in Berlin, um bestimmte Vorlesungen zu hören, wozu er wöchentlich einige Stunden von der Arbeit im Betrieb befreit wurde. Um seines beruflichen und wirtschaftlichen Fortkommens willen wechselte er einigemale den Arbeitgeber und war zeitweilig am Bau der Berliner Untergrundbahn eingesetzt. Von 1915 bis 1918 war Karl Schäfer Soldat. Infolge der Revolutionsgeschehnisse in Berlin, beginnend im November 1918, gab er dort seinen Arbeitsplatz auf und ging nach Frankfurt. Hier wurde er sofort von einer Eisenbetonfirma als Leiter des Ingenieurbüros eingestellt.

Während einer kurzen Teilhaberschaft in einem Bauunternehmungsgeschäft reifte in Karl Schäfer der langgehegte Plan, das Abitur zu machen und anschließend die Technische Hochschule zur Erlangung des Diploms zu besuchen. Und er schaffte beides. Lehrer höherer Schulen bereiteten ihn in Abendstunden auf das Abitur vor, wobei diese viel Verständnis und Entgegenkommen zeigten. In 1923 wurde er zur Reifeprüfung zugelassen - ein sensationeller Vorgang - die er dann an der Liebig-Oberrealschule in Frankfurt bestand. Das Studium an der Technischen Hochschule Darmstadt schien aus finanziellen Gründen durch die damals herrschende Inflation gefährdet. Ein Freund half jedoch mit einem Darlehen aus, so daß Karl Schäfer 1927 das Diplomexamen ablegen konnte. Bei all dem bereitete er sich noch auf die Promotion vor und erwarb 1930 den Doktortitel. Dabei darf die Berufsarbeit nicht übersehen werden, die Schäfer neben dem Studium noch leistete. Nach dem Abitur baute er ein Ingenieurbüro auf, das jedoch wegen der damaligen ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse ab 1930 zunächst nicht weiter betrieben werden konnte. Das spätere Aufblühen der Bauwirtschaft ermöglichte ein neues Unternehmen mit interessanten Aufträgen, für die zeitweilig bis zu 20 Ingenieure beschäftigt waren. Neben den betrieblichen Aufgaben befasste sich Karl Schäfer noch mit wissenschaftlichen Arbeiten. Außerdem war ein Buch über Mathematik in Vorbereitung.

Im Oktober 1938 trat die Technische Hochschule in Darmstadt zur Übernahme eines Lehrauftrages an ihn heran, der später in eine ordentliche Professur umgewandelt werden sollte. Jedoch das Schicksal ging eine andere Richtung. Dr. Schäfer erkrankte an einer Furunkel, die zu einer Blutvergiftung führte, an der er am 4. April 1939, also im Alter von 51 Jahren verstarb.

Theodor Seelbach

Einen ungewöhnlichen Lebensweg hat auch der Ordensmann Dr. Theodor Seelbach zurückgelegt. Im Jahre 1883 in Mengerskirchen geboren, wuchs er mit 10 Geschwistern in einer religiös orientierten Familie auf. Er besuchte die Volksschule bis 1897 und war anschließend wie fast alle jungen Männer aus Mengerskirchen im Baugewerbe tätig, zuletzt als Stukkateur, Im Gegensatz zu den meisten anderen hatte er seinen Arbeitsplatz in Wiesbaden. Im Winter arbeitete er als Nagelschmied in der Heimat. Von 1903 bis 1905 leistete er aktiven Militärdienst, aus dem er als Unteroffizier entlassen wurde. Am Weltkrieg 1914/18 nahm Dr. Seelbach als Offizier, zuletzt im Range eines Hauptmannes teil. Er wurde mehrmals verwundet und mit hohen Orden ausgezeichnet.

Schon in seiner Jugend zeigte Dr. Seelbach ein starkes religiöses Interesse. In Wiesbaden, wo er von 1897 bis 1908 mit kurzen Unterbrechungen lebte, pflegte er guten Kontakt im kirchlichen Bereich, wobei er Unterstützung bei seinem älteren Bruder fand. Beide waren dem damaligen Stadtpfarrer von Wiesbaden insbesondere in der Jugendarbeit behilflich, der dann auch die Begabung des jungen Bauhandwerkers Theodor Seelbach erkannte und ihm den Weg in das Kloster und damit zum Studium ebnete.

Sein Eintritt in den Orden der Salesianer erfolgte im Jahre 1909, und zwar in dessen Noviziat in Voglizo in Italien. Hier bereitete er sich auf das Theologiestudium vor und erreichte auf Grund seiner guten Begabung in ungewöhnlich kurzer Zeit die Universitätsreife. Jedoch trat durch den Krieg eine Verzögerung in seiner Laufbahn ein. Nach dem Krieg studierte er dann an der Universität in Turin, wo er im Jahre 1924 sein Studium mit der Promotion zum Doktor der Theologie äußerst erfolgreich abschloß, Im gleichen Jahr wurde er zum Priester geweiht; er stand damals im 41. Lebensjahr.

Dr. Seelbach hatte sich mit dem Eintritt in das Kloster eine ganz konkrete Aufgabe gestellt, er wollte Jugenderzieher sein und insbesondere den gefährdeten und körperlich und geistig behinderten Kindern helfen. Das entsprach so ganz seiner sozialen Einstellung, die sich auszeichnete durch ein gleich freundliches Wesen gegenüber jedermann, ob hoch oder niedrig, und wurde besonders augenfällig im Umgang mit dem Dienstpersonal, "das er tief ins Herz geschlossen hatte".

Seine Aufgaben führten ihn nach Wien und verschiedene andere Orte, an denen sich Niederlassungen seines Ordens mit Anstalten für die Jugend befanden, denen er teilweise als Direktor vorstand. Im Jahre 1940 wurde er Provinzial der gesamten deutschen Salesianer-Ordensprovinz, 1954 1, Provinzial der neu errichten Nordprovinz.

Eine besondere Aufgabe sah Dr. Seelbach darin, das Gedankengut des Ordensgründers Don Bosco ins Deutsche zu übertragen. Seine diesbezüglichen literarischen Leistungen sind bemerkenswert.

Josef Hilpisch

Ein weiterer Salesianer Ordensmann ist Josef Hilpisch, der 1899 in Mengerskirchen geboren, nach der Schulentlassung , wie die meisten, Maurer wurde. Fast noch im Knabenalter stehend, nahm er als Soldat am 1, Weltkrieg teil. Mit anderen Bauarbeitern ging er in den krisenhaften Jahren nach dem ersten Weltkrieg nach Holland und arbeitete dort als Maurer. Im Anschluß trat er in 1924 in den Orden ein. Zunächst bereitete er, der Volksschüler und Maurer, im 25. Lebensjahr stehend, sich im Studienheim des Ordens in Essen-Borbeck auf das Abitur vor und wurde nach Absolvierung des Theologie-Studiums in 1937 in dem Kloster Benediktbeuern (Obb. ) zum Priester geweiht.

Hiernach wurde er Direktor eines neu zu errichtenden Ordenshauses in Holland, Dieses Amt übertrug man ihm, dem noch "jungen Ordensmann", im Hinblick auf seine Kenntnisse und Fähigkeiten, die er sich als Maurer erworben hatte, Als Hitler 1939 Holland einnahm, wurde P. Hilpisch mit noch anderen Ordensangehörigen nach Deutschland abgeschoben. Er hielt sich zunächst in Mengerskirchen auf, wo ihm allerdings behördlicherseits, offenbar in wohlwollender Absicht, bedeutet worden sein soll, eine polizeiliche Anmeldung nicht vorzunehmen, so daß er sich in Winkels, wo eine seiner Schwestern wohnte, anmeldete. Drei Monate später ging er als Pfarrverweser nach Wesel,

Nach Kriegsende übernahm P. Hilpisch als Direktor das Haus des Ordens in Essen-Borbeck, mit dem ein Jugendheim verbunden war. Das Haus war während des Krieges durch Bomben weitgehend zerstört. Unter seiner Leitung erfolgte der Wiederaufbau. Wenige Jahre später wurde er in gleicher Position nach Jünkerath in die Eifel versetzt, wo man ihm die Errichtung eines Ordenshauses, das als Jugendbildungsstätte "Don Bosco" geschaffen wurde, übertrug.

1958 verlor er sein Leben durch einen Autounfall.

Eine Ordensfrau, die aus Mengerskirchen stammte, hat in Amerika ungewöhnliche Leistungen vollbracht, Es ist

Margaretha Weisenburg,

die 1876 geboren wurde und mit ihren Eltern 1884 nach Amerika auswanderte, wo diese eine Farm erwarben. Infolge des frühen Todes des Vaters mußte Margaretha schon in ganz jungen Jahren schwere Landarbeit verrichten, Im Alter von 30 Jahren trat sie in die Ordensgemeinschaft der Dominikanerinnen in Boston ein und legte 1906 ihr Ordensgelübde ab, Über ihre Persönlichkeit erschien anläßlich ihres Todes am 16. Oktober 1928 in der amerikanischen Zeitung "The Catholic Aduance" vom 2. November 1928 ein Bericht, dem folgendes entnommen ist:

"Im Jahre 1903 war sie in die Ordensgemeinschaft der Dominikanerinnen in dieser Stadt eingetreten. Schon vier Jahre nach dem ersten Ordensgelübde übertrug ihr der zuständige Bischof das Amt einer Priorin. Die sich alsbald abzeichnenden Erfolge ihrer Tätigkeit sind ein Beweis dafür, daß der Bischof die richtige Wahl getroffen hatte, Zu Beginn des Jahres 1910 bestand die Gemeinschaft aus 17 Mitgliedern, deren Zahl sich bis zum Jahresende auf l08 erhöhte. Die von ihr stammende Idee eines großen und schönen Krankenhauses wurde unter ihrer energischen Leitung verwirklicht. Daneben sorgte sie sich um eine gedeihliche Entwicklung des klösterlichen Lebens in ihrer Gemeinschaft. Zu ihrem Wirkungsbereich gehörten auch 11 Kirchspielschulen, die von Lehrschwestern ihrer Gemeinschaft geleitet wurden. Neben einer echten Frömmigkeit besaß Mutter Seraphine auch eine großzügige soziale Haltung, . . . sie war die großherzigste der Mütter gegenüber den Novizen und Bewerbern im ständig wachsenden Noviziat . . . . Großmut war ein entscheidender Faktor in ihrem verdienstvollen Leben. Eine bedrückte Schwester fand sie immer voller Mitgefühl... Sie war äußerst freigiebig gegenüber den Armen und die Wohltätigkeitsarbeit der Gemeinschaft ist eine der bekannten Großtaten des St. Rose-Hospitals".

In der Öffentlichkeit "war sie jeden Zentimeter Äbtissin" und ein mutiger, zuverlässiger Wahrer der Güter und Rechte der Gemeinschaft,

Von 1910 bis zu ihrem Tode war Mutter Seraphine Priorin der Gemeinschaft mit einer Unterbrechung von drei Jahren, die ausschließlich durch die Ordensregeln bedingt war. Die Trauer um ihren frühen Tod im Alter von 52 Jahren war ergreifend. Sie zeigte sich besonders bei ihrem Begräbnis, "das in Bezug auf die Teilnahme als eines der größten, das je in der Stadt gesehen wurde, zu bezeichnen ist".

SCHICKSALE

Vor dem Sondergericht

Viel Aufregung und Schrecken brachte Hitlers Gewaltherrschaft in die Familie des Schneidermeisters und Kleinlandwirts J. S. Am 3. April 1940 wurde S. verhaftet, einem mehrstündigen Verhör auf dem Bürgermeisteramt unterzogen und im Anschluß daran als Untersuchungshäftling in das Gerichtsgefängnis nach Frankfurt gebracht. Diese Vorgänge beruhten auf der Anzeige einer Mitbürgerin, in der behauptet wurde, S. höre Feindsender ab und führe dem Staat und dem "Führer" abträgliche Gespräche.

Am 20. 12. 1940 endete die Untersuchungshaft des S. , die somit fast 9 Monate gedauert hatte. Vor dem Sondergericht des Oberlandesgerichtes in Frankfurt, das zuständig für alle "Vergehen" gegen den Hitlerstaat war, fand dann am 5. 3. 1941 ein Termin in Weilburg statt, in welchem gegen S. verhandelt wurde. An die 20 Zeugen waren geladen. Die Anklage stützte sich auf das "Heimtückegesetz" vom 20. 12. 1934, das jeden unter schwere Strafe stellte, der nach der damals geltenden öffentlichen "Meinung" zersetzende Gespräche gegen das NS-Regime führte oder "heimtückische" Angriffe gegen dasselbe richtete. Es darf davon ausgegangen werden, daß S. ein Gegner der Hitlerdiktatur war und sicherlich auch Äußerungen getan hat, die ihn in Konflikt mit dem Heimtückegesetz bringen konnten. Acht Äußerungen wurden S. in der Verhandlung zum Vorwurf gemacht: Verunglimpfungen des "Führers" Hitler, abfällige Äußerungen über Parteigänger, mißliebige Gespräche über das Kriegsgeschehen und ähnliches. Das Gericht hat, da S. die ihm zur Last gelegten Vorgänge bestritt, über lo Zeugen gehört, deren Aussagen allerdings weitgehend widersprüchlich und ungenau waren.

Wie sich aus dem 11 Schreibmaschinenseiten umfassenden Urteil gegen J. S. ergibt, bemühte sich das Sondergericht, die Zeugenaussagen in dem Prozess gegen S. in einer für ihn möglichst günstigen Weise zu interpretieren. Diese Haltung des Gerichts wurde, so darf man annehmen, nicht unwesentlich durch die Aussagen der drei Leumundszeugen, zu denen auch der damalige Hauptlehrer und der Bürgermeister von Mengerskirchen gehörten, gedeckt.

Indessen kam es nicht zu einem Freispruch, sondern zu einer Verurteilung von drei Monaten Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft wegen eines einzigen Vorwurfs, bei dem es sich darum handelte, daß S. zu einem Zeugen gesagt haben soll, der ihm die Kirchenzeitung brachte, gleichzeitig aber auch den "Stürmer" und das "Schwarze Korps", beides NS-Hetzzeitschriften, verteilte, "Du bist ja noch schlechter als die Hitlers".

Obwohl S. nur drei Monate Gefängnis erhielt, so hat er doch fast neun Monate als politischer Gefangener hinter Gefängnismauern verbringen müssen. Jeder, der die damalige Situation kannte, wußte, wie leicht ein solcher Umstand ins Konzentrationslager führen konnte. Tatsächlich scheint S. bereits einmal auf dem Weg dorthin gewesen zu sein.

In Haft

Zu Beginn des Jahres 1945 war der Leutnant einer in Mengerskirchen stationierten Unteroffiziersschule bei der Familie Bär einquartiert. Von der Familie Bär war in jener Zeit nur die Mutter mit zwei Töchtern im Alter von 18 und 25 Jahren ortsanwesend; der 54-jährige Vater leistete als Soldat Dienst bei der Kriegsmarine, ein Sohn lag schwer verwundet in Rußland und der zweite war als vermißt gemeldet.

Am 30. Januar wurde durch den Rundfunk eine Rede Hitlers übertragen und anderntags fragte der Leutnant beim Morgenkaffee die drei Frauen, ob sie auch die Rede gehört hätten. Nach einem Bericht des Kommandeurs der Unteroffiziersschule an die Oberstaatsanwaltschaft vom 11. 2. 1945, dem ein Bericht an die Gestapo vom 1. Februar vorausgegangen war, soll seitens der drei Frauen auf die Frage des Leutnants geantwortet worden sein, sie hätten sich den Führer nicht angehört, weil der schon so viel geredet hätte und dieses doch nicht in Erfüllung gehe. Weiter machten sie Äußerungen dahingehend, daß es die Russen mit uns nicht schlimmer machen würden, als es die deutschen Soldaten in Rußland gemacht hätten. Außerdem sagten sie, sie wüßten von einem Soldaten, der in diesem Krieg zwei Jahre in russischer Gefangenschaft gewesen sei, daß es dort gar nicht so schlimm sei. Auf Grund dieses Berichts wurde ein Verfahren seitens der Oberstaatsanwaltschaft gegen die drei Frauen eingeleitet, das eine Haussuchung am 23.2.1945 zur Folge hatte mit anschließender Verhaftung. Die Mutter, 50 Jahre alt, wurde mit den Töchtern gegen Mitternacht von einem Gendarmen zu Fuß nach Löhnberg geführt und mit dem ersten Frühzug nach Frankfurt in das Gerichtsgefängnis gebracht. Von da kamen sie in das Gestapo-Quartier mit anschließendem Verhör. Wegen der laufenden Bombardierung Frankfurts durch feindliche Flieger landeten sie schließlich in einem Frauengefängnis in Höchst. An der Türe ihrer Zelle war ein Aushang mit ihrem Namen angebracht und einem Vermerk, daß sie wegen "Wehrmachtszersetzung und Verstoß gegen das Heimtückegesetz" in Haft seien. Während der Haft wurden sie mehrmals Verhören unterzogen und schließlich am 17. März entlassen, weil das Gefängnis im Hinblick auf die Kriegsentwicklung - das Ende der Schreckensherrschaft zeichnete sich damals schon deutlich ab - geräumt werden mußte.

Die Unteroffiziersschule stellte nach dem vorzitierten Bericht sich nicht nur die Aufgabe, die zukünftigen Unteroffiziere zu "fanatischen nationalsozialistischen Kämpfern" zu erziehen, sondern sah sich offenbar auch berufen, auf die Bevölkerung in diesem Sinne Einfluß zu nehmen. Der bei der Familie Bär einquartierte Leutnant stolzierte beispielsweise im Ort herum und stellte die Leute zur Rede, die den deutschen Gruß nicht ordnungsgemäß vornahmen. Übrigens wurde der Leutnant nach Kriegsende in seiner Heimat ermordet. Anscheinend hatte er dort auch "politisch" gewirkt, denn die Polizei vermutete bei dem Mord politische Motive und stellte diesbezüglich auch in Mengerskirchen Nachforschungen an.

Eine interessante Feststellung ist noch im Zusammenhang mit der vorläufigen Festnahme des Bürgers S. durch die Unteroffiziersschule, die auch aus politischen Gründen erfolgte, zu treffen. Hierzu heißt es in dem Bericht: "Es hatte nach der vorläufigen Festnahme des S. den Eindruck, als ob die ortsansässige Bevölkerung von Mengerskirchen nunmehr sich bewußt sei, daß die Staatsautorität durch die Heeresunteroffiziersschule gewährt bzw. gestärkt werde. Leider ist dies . .. nicht der Fall".

Die Nachricht
von dem Tod eines Westerwälder Soldaten im Ersten Weltkrieg

"Fußartillerie Batterie 414 O. U. 9. 10. 16

Antwortlich Ihres Schreibens vom 4. 10. teile ich Ihnen unter gleichzeitiger Versicherung des herzl. Beileids mit, daß ihr Bruder Wilhelm am 23. 9. , nach. 5 Uhr durch Granatsplitter sehr schwer verwundet und kurz nach der Einlieferung in das Feldlazarett 2 der 111. Division (Forsthauslager Hassavarant, an der Straße Woel-St. Benvit) verstorben ist. Dortselbst ist er auch am 26.9. , vorm. 10 Uhr, beerdigt worden. Die Grabnummer kann ich Ihnen noch nicht mitteilen, da dieselbe der Batterie noch nicht bekannt ist. - Für die Ausschmückung des Grabes wird seitens der Batterie, sowohl als auch seitens der Lazarettverwaltung Sorge getragen werden und Ihren Angehörigen z. Zt. eine Photographie des Grabes zugehen. Nach menschlichem Ermessen mag es Ihnen zum Troste gereichen, daß Ihr Bruder ohne viel zu leiden und ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben verschieden ist. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt waren die Verwundungen derart schwer, daß sofort ein Bein amputiert werden mußte und daß an eine Genesung nie zu denken war. Ihr Bruder war in der Batterie sowohl bei seinen Vorgesetzten als auch bei seinen Kameraden sehr gelitten, ein braver, tüchtiger und diensteifriger Soldat und wird ihm die Batterie ein ehrendes Andenken bewahren.

Indem ich Ihnen nochmals mein herzl. Beileid auch im Namen der Batterie ausspreche zeichne ich mit kameradsch. Grusse

Julius Brander
Feldwebel der Fußartl. -Batterie 414"

GEMEINDEBEDIENSTETE

Der Polizeidiener

gehörte neben dem Bürgermeister und dem Gemeinderechner unmittelbar zur Gemeindeverwaltung. Trotz seiner Amtsbezeichnung übte er kaum eine Amtsgewalt aus. Eine wichtige Funktion war die Bekanntmachung von behördlichen Angelegenheiten. Dies erfolgte mit Hilfe der Ortsschelle, die der Polizeidiener an bestimmten Stellen des Fleckens erklingen ließ, um die Bürger auf seine mündliche Ansage aufmerksam zu machen. Man nannte ihn auch den "Schellemann". Der Verfasser erinnert sich aus seiner Kinderzeit an den damaligen Polizeidiener, der bei besonderen Anlässen in einer uniformähnlichen Kleidung erschien und an Markttagen sogar einen kurzen Säbel trug. Er begleitete auch Mitglieder des Gemeindevorstandes, wenn diese an Prüfungen in der Schule durch den Schulinspektor teilnahmen. Daneben verrichtete er Botendienste für die Gemeindeverwaltung. Eine weitere Aufgabe sah er vor allem bei Schneefall an Wintertagen darin, zu verhüten, daß die Kinder durch Schlittenfahren Straßenglätte verursachten. Die dienstliche Beanspruchung füllte den Polizeidiener nicht aus. In der Regel war er noch auf andere Weise tätig. So führte der Polizeidiener in späterer Zeit z. B. Feldwegearbeiten aus und betätigte sich als Barbier und Nagelschmied. Als nach 1945 andere Formen der öffentlichen Bekanntmachung angewandt wurden, entfiel das Amt des Polizeidieners.

Der Flurhüter

hatte die Aufgabe, für Ordnung in Feld und Garten zu sorgen. Den Auftrag hierzu erhielt er von der Gemeindeverwaltung, die ihn anstellte und auch besoldete. Vor allem kam es darauf an, das Eigentum des Bürgers zu schützen. Schäden konnten entstehen durch unsachgemäßes Verhalten in der Flurlandschaft, wie Überfahren fremder Grundstücke mit Bauernwagen und Ackergeräten oder auch das Begehen von Wiesen und Äckern vor der Ernte. Der Flurhüter, auch "Schetz" = Schütz genannt, hatte natürlich auch Diebstähle zu verhindern. Bei Verstößen gegen diese Regel mußte er Anzeige erstatten, die eine ortspolizeiliche Bestrafung zur Folge haben konnte. Großen Respekt hatten die Kinder vor dem " Schetz", vor allem dann, wenn die Obstreife kam. Das wenige Obst in der Gemarkung war zu verführerisch, insbesondere für die Jungen, die trotz des Stockes, den der Flurhüter meist bei sich trug, schon einmal einen "Mundraub" riskierten. Mit dem Rückgang der Landwirtschaft und der veränderten Struktur erübrigte sich ein Flurhüter.

Die Nachtwächter

Am 30. Dezember 1873 kam zwischen dem Gemeinderat und 2 Bürgern aus Mengerskirchen folgende schriftliche Vereinbarung zustande:

  1. "Johannes Seck Hirt und Johann Wilhelm Eckerth müssen die Nachtwache thun, und die Stunden von Abends zehn bis Morgen drei blaßen und zwar auf jede Station wo der Polizeidiener schellt; auch haben dieselben für das erforderliche Local und die Beleuchtung zu sorgen.
  2. Dieselben müssen des Nachts in Mengerskirchen herum gehen, und was sie Polizeiwiedrig antreffen zur Anzeige bringen.
  3. Wenn die beiden ihren Bedingungen nicht folge leisten, so werden sie nach Gesetz bestraft.
  4. Dafür erhalten sie an Lohn zwei und fünfzig Tahler achtzehn Silbergroschen auf das Jahr 1874".

Der Lohn war natürlich nur ein Nebeneinkommen, das beispielsweise einem ledigen Hosenschneider, der auch zeitweilig Nachtwächter war, zustatten kam. Ein Vergleich bezüglich der Besoldungshöhe der Nachtwächter sei hier angeführt. Ein Lehrer erhielt damals 48 Taler vierteljährlich und der Gemeindearzt 200 Taler jährlich neben seinen Honoraren. Bis etwa um die Zeit des ersten Weltkrieges wurde der Nachtwächterdienst von 2 Männern gemeinsam versehen. Dazu gehörte in der Regel der Kuhhirt.

Die Ausrüstung der Nachtwächter bestand aus einem kräftigen Stock, einer Tragleuchte, einem Wecker und einem Blechblashorn. Als Wachlokal diente das Gemeindebackhaus, und zwar der Vorraum zu den 2 Backöfen, weil dieser in der Regel erwärmt war. In einer Ecke lagerte meist als Rückstand aus den Backöfen glühende Holzkohle, die entsprechend behandelt, Wärme spendete. An ihr konnte auch der Kaffee, der in einem kleinen Blechbehälter, "Kaffeebullche" genannt, mitgebracht wurde, erwärmt werden.

Aufgabe der Nachtwächter war es, zur Nachtzeit die Sicherheit der Bürger und Ordnung im Ort zu gewährleisten. Sie hatten wachsam zu sein und bei ihren Rundgängen allen ungewöhnlichen Vorgängen Beachtung zu schenken. So gingen sie etwa den Ursachen nach, warum Vieh in den Stallungen unruhig wurde. Mitunter hatte sich ein Tier von der Kette gelöst oder es war eine Kuh am Kalben. In diesen und ähnlichen Fällen weckten sie den Eigentümer.

Mit dem Einsetzen des modernen Verkehrs und durch die Straßenbeleuchtung endete die Zeit der Nachtwächter. Von einem solchen wird folgende Anekdote berichtet: Der Nachtwächter war in den Verdacht geraten, nicht mehr den vorgeschriebenen Rundgang zu machen und die Stunden mit dem Blashorn aus dem Fenster seines Hauses heraus, das in einer Seitenstraße lag, anzukündigen. Das sei dem Gendarm zu Ohren gekommen, der sich zur Kontrolle in die Nähe der Nachtwächterwohnung gestellt habe. Nun habe der Nachtwächter wieder aus dem Fenster heraus die Uhrzeit angeblasen, worauf der Gendarm hervorgetreten sei, um dem Nachtwächter sein pflichtvergessenes Tun vorzuhalten. Als der Nachtwächter den Gendarmen erblickt habe, sei er jedoch vom Fenster zurückgetreten und habe laut in das Zimmer seiner Frau hineingerufen: Su, dess woar fier deich, etze gien ich enaus en bloase fier de annern.

Die Hebamme

Erste Hebamme von Mengerskirchen in dem behandelten Zeitraum war Margaretha Becker, auch "Amme Fraa" genannt. Der Name übertrug sich auf die Familie, die man "Amme" nannte. Sie übte ihr Amt bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts aus. Um 1885 trat eine zweite Hebamme in Dienst und zwar Helene Eckerth. Von ihr wird berichtet, daß sie neben ihren Funktionen als Hebamme auch in der Krankenpflege tätig war. Sie verstand sich z. B. auf das Zahnziehen, wie der Verfasser an sich selbst erfahren hat. Auch bei leichten Verletzungen und Erkrankungen wurde sie in Anspruch genommen. Einmal soll sie sogar einen Jungen, der sich eine schwere Verletzung mit einem glühenden Eisen in der Nagelschmiede des Vaters zugezogen hatte, geheilt haben. Diese Tätigkeit einer Hebamme war in jener Zeit sehr wichtig, scheute man sich doch oft, den Arzt in Anspruch zu nehmen. Das Honorar für derartige Dienstleistungen war sicherlich gering und dürfte in der Regel bei einigen Groschen gelegen haben. Die gleichzeitige Tätigkeit von 2 Hebammen im Flecken war bei der Geburtenhäufigkeit insbesondere vor 1915 durchaus angebracht, wurden doch in dieser Zeit jährlich 30 und mehr Kinder geboren. Hierbei ist noch die umfassende Inanspruchnahme der Hebamme im einzelnen Falle zu berücksichtigen. Ihr oblag nicht nur die Geburtshilfe sondern auch die Pflege der Wöchnerin und des Neugeborenen bis zu 2 Wochen nach der Niederkunft. Während dieser Zeit machte die Hebamme in der Regel täglich 2 Besuche. Das Entgelt der Hebamme war ursprünglich kärglich und lag bei 3 Mark pro Geburt. Manchmal mußte sie sich auch mit 2 oder 1 1/2 Mark zufrieden geben. Dieser Zustand änderte sich erst, als die Mehrzahl der Bürger von Mengerskirchen der gesetzlichen Krankenversicherung angehörte. Obwohl die Hebamme im Gemeindedienst stand, erhielt sie ursprünglich von dieser keine Besoldung! Mit einer diesbezüglichen späteren Änderung war auch die Rentenversicherung verbunden. Die Gemeinde trug jedoch zu aller Zeit die Kosten für das benötigte Instrumentarium und sonstige medizinische Hilfsmittel. Sie übernahm auch die Ausbildungskosten.

Bei der Wahl einer Frau zur Hebamme wurde deren soziale und wirtschaftliche Situation berücksichtigt. Frau Eckerth beispielsweise war Witwe und Mutter von 8 Kindern. Sie übte das Amt 42 Jahre aus und trat es in 1927 an ihre Tochter ab, die anschließend 39 Jahre Hebamme von Mengerskirchen war.

Früher erfolgten die Entbindungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, im Hause. Krankenhäuser wurden nur in ganz schwierigen Situationen in Anspruch genommen. Die Transportfrage spielte hierbei eine hinderliche Rolle. Dem Verfasser begegnete in seinen Jugendjahren auf dem Weg von Löhnberg nach Mengerskirchen ein Pferdegespann, dessen Ladefläche mit Stroh ausgelegt war und auf dem ein in Decken gehüllter Patient ins Krankenhaus gebracht wurde.

In den letzten Jahrzehnten wurden die Entbindungen zu mehr als 80% im Krankenhaus vorgenommen. Das machte die örtliche Hebamme weithin überflüssig. So gibt es im Bereich des früheren Oberlahnkreises nur noch 2 zugelassene Hebammen. Davon hat eine, die bereits seit 1962 praktiziert, ihren Sitz in Mengerskirchen, von dort betreut sie vereinbarungsgemäß etwa die Hälfte der Orte des früheren Kreisgebietes. Sie ist nicht nur im Entbindungsfalle tätig, sondern betreut auch Mütter, die im Krankenhaus entbinden, vor und nach der Geburt.

Der Kuhhirt

Für die Viehhaltung in Mengerskirchen war die Knotenweide von großer Bedeutung, bot sie doch im Sommerhalbjahr das Futter für mehr als die Hälfte des gesamten Rindviehbestandes. Die Herde wurde alltäglich aufgetrieben, nachdem der Kuhhirt mit einem einfachen Blechhorn das Signal im Ort zum Sammeln der Weidetiere gegeben hatte. Die Herde zog dann vom Ortsausgang am Weiher in Richtung Arborn geschlossen zur Weide. Für den Zusammenhalt der Tiere sorgte der Kuhhirt mit den Hütehunden, zeitweilig begleitet von einem Hütejungen. In den Jahren 1926/27 umfaßte die Herde etwa 270 Stück Rindvieh und 10 bis 12 Ziegen.

Der Kuhhirt stand im Gemeindedienst, in dessen Rahmen auch seine wirtschaftlichen und sozialen Belange geregelt wurden. Er war sozialversichert und bezog in späterer Zeit bei Arbeitslosigkeit in den Wintermonaten Unterstützung. Die Gemeinde setzte den Hütelohn fest, den jeder Viehhalter unmittelbar an den Kuhhirten zu entrichten hatte. Dieser betrug für vorgenannte Jahre 5 Mark für ein Rindvieh; für Ziegen die Hälfte. Die Art und Höhe der Entlohnung hat sich im Laufe der Zeit oft geändert. Mitunter bestand sie zum Teil aus Naturalien, wie Brotgetreide und Kartoffeln. So erhielt der Kuhhirt in den Jahren 1947/48 an Hütelohn monatlich eine Mark nebst 5 Pfund Brotgetreide und 20 Pfund Kartoffeln für die Hütesaison. Damals gehörten zur Herde 300 Stück Rindvieh und 15 bis 20 Ziegen.

Die Aufgabe des Kuhhirten war sehr verantwortungsvoll und anstrengend. Bei jeder Witterung mußte er doch mit seiner Herde auf dem Knoten aushalten. Er kannte in der Regel den Eigentümer eines jeden Tieres seiner Herde und informierte diesen, wenn bestimmte Umstände Anlaß dazu boten.

Von den vielen Männern, die im Laufe der Jahrzehnte Kuhhirt waren, seien genannt Johannes Wolf, der von 1912 bis 1932, also 20 Jahre die Herde führte und Johann Simon, der 1926/27 Hütejunge bei Wolf war und für die einzelne Hütesaison 100 Mark nebst Kost erhielt. Später führte er mehrere Jahre selbst die Herde, und zwar letztmalig 1947/48. Nach 1950 setzte ein rapider Rückgang in der Stückzahl der Herde ein, die zuletzt unter 100 lag. Das bedeutete im Jahre 1962 das Ende des Kuhhirten.

ALLTAG UND BRAUCHTUM

Vom "Birn schele und Hoink menge"!

In den Jahrzehnten, da man sich des abends die Zeit noch nicht mit Radio und Fernsehen vertreiben konnte, suchte die Jugend des Fleckens Unterhaltung auf ihre Art. Ein besonderes Kapitel fiel dabei in die Zeit der Birnen- und Zwetschgenernte. Da verband man das Nützliche mit der frohen Unterhaltung, galt es doch, abends das Obst für "Hoink"-Kraut vorzubereiten, um es danach in grossen Kesseln zu kochen als Brotaufstrich für den Winter.

Den Ablauf dieses Geschehens schildert einer, der in jungen Jahren mit dabei war, in Form von Versen in Mengerskirchener Mundart:

"Hei, dau! Wu werd da de Owend geschelt"
su werd ans vom annern gefregt,
da kaans vu der gruse Masse
dout su ebbes gern verpasse
beim Hoinkmenge en Birnschele

Do komme se u mit ein Nickelsche i der Hand
als wern se de Unschuld vum ganze Land
en setze sich ein de Desch zesome
en lore Platz fir de Bouwe, dei dezwesche komme.
Der Babbe leit gewehnlich schu im Bett,
en de Mamme dout sich aus, wei nett.

Da giehts lus met Zicke en Witz
en manch mell Bir verschwinnt im Schlitz.
Herno giehts Schenkelkloppe und Retzel liese
en allerhand treiwe se do, dei Biese
Zum Schluß mache se met Hoinkdoune Maat
und da werd aach noch en Foart gestraat.

Do drivver gits de annern dog vill Gemunkel
en alles will gern Leucht seih i dim Dunkel
Gwehnlich gits noch en grusse Krach
en des alles weje su ner domme Sach.
Jo beim Birnschele kann mer allerhand erlewe.

Beim Hoinkmenge giehts groad zu zou.
Do werd als mol beschutt e Broi
Mit Wasser dorchs Fistersche kla
Herno gitts Backpfeife ganz gema
Do mecht sich der Christian gor naut draus
Wenn he des Stinche verhegt, su en domm Laus.
Des schlemmst wor es nur gitt i der ganze Zeit
des es, wann der Pastur off die Kanzel steit
un der ganz gehierig schennt off die Orme
dess manch aner denkt, Gott soll sich erborme.
Doch dess gieht schließlich aach verbei
en gefreut werd sich doch off de nächst Schelerei.

Die Waschfrauen

Noch im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts konnte man anfangs der Woche Frauen auf einer Mauer, die den Weiher am Ortsausgang nach Arborn umgab, knien sehen, um Wäsche und Kleidungsstücke auszuwaschen. Diese Arbeit ersetzte den späteren Spülvorgang der Waschmaschine. Die zu waschenden Gegenstände waren vorher zu Hause behandelt worden. Kochwäsche kam entweder in einen großen Topf auf den Herd oder in einen Kessel, in dem auch das Viehfutter gekocht wurde.

Hilfsmittel wie Waschpulver fehlten beim grossen Waschtag. Höchstenfalls standen Kern- oder Schmierseife zur Verfügung. Nicht selten benutzte man eine Lauge aus Holzasche. Das traf insbesondere auf die Zeit des ersten Weltkrieges zu. Bleichmittel benutzte man nicht. Die zu bleichenden Wäschestücke wurden bei entsprechender Witterung auf der Wiese ausgelegt und der Bleichvorgang der Sonne, der noch durch mehrmaliges Begiessen der Wäsche gefördert wurde, überlassen. Die Gemeinde stellte ein Grundstück zum Bleichen zur Verfügung.

Die Backsteinmacher

Etwa um die Jahrhundertwende entstand in Mengerskirchen das Gewerbe der "Backsteinmacher". Bis dahin wurden Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude vielfach aus Lehmfachwerk erbaut. Ausgenommen von dieser Bauweise waren grössere Bauwerke, wie beispielsweise das Schloß, die Kirche und die älteren Kapellen, die man aus dem in der Gemarkung reichlich vorhandenen Basaltgestein errichtete.

Die beste Voraussetzung für das "Backsteinmachen" waren die Lehmvorkommen, in deren Nähe sich auch Wasserstellen befanden. Der neue Gewerbezweig ermöglichte den Bürgern eine solidere Bauweise. Das Lehmfachwerkhaus war weniger stabil und gegen Witterungseinflüsse nicht so geschützt, insbesondere aber anfälliger bei Brandgefahr, wie es sich vor allem bei den verschiedenen Scheunenbränden des letzten Jahrhunderts herausgestellt hat. Die in Mengerskirchen betriebene Backsteinproduktion war ganz auf Handarbeit eingestellt und nur mit einfachen technischen Hilfsmitteln ausgestattet. Der Lehm wurde an Ort und Stelle "gegraben", und zwar im Spätherbst, damit er durch den Frost im Winter aufgelockert wurde. Das Lehmvorkommen war gut und auch reichlich. In der wärmeren Jahreszeit wurden die Steine aus nasser Lehmmasse in Eisenformen auf vorgerichtete Bahnen abgelegt und trocknen lassen. Diese Bahnen bestanden aus geglätteter Erde und wurden mit einem nichtbindenden Material, wie beispielsweise trockenem Sand, bestreut, wodurch verhindert werden sollte, daß die Backsteine sich mit der Erde verbanden. Je nach Witterung erfolgte nach 1 - 2 Tagen die Aufstapelung der Steine bis zur vollkommenen Trockenheit; dabei wurden sie mit einer Strohmatte abgedeckt. Nach dieser Lagerung erfolgte die Ofensetzung.

Der sogenannte "Ofen'' mußte von fachkundiger Hand gesetzt werden, wobei gemahlene Steinkohle zwischen die Schichten eingestreut und durch Züge, sogenannte Füchse, verbunden wurde. In den Ofen kamen zusätzlich zerkleinerte Steinkohlenstücke. Außerdem wurde der Ofen, der eine Ringform hatte und deshalb Ringofen genannt wurde, mit Lehm eingesetzt, um den Verlust von Hitze zu vermeiden, der die Qualität der Steine beeinträchtigen konnte. Im Durchschnitt bestand ein Ofen aus 40.000 Steinen. Etwa l0 to Kohle wurden für einen Ofen benötigt. Der Brennvorgang dauerte etwa 8 - 10 Tage. Nach dem Erlöschen des Ofens erkaltete dieser innerhalb von 10 bis 14 Tagen. Die Steinkohle wurde ursprünglich vermutlich von Rennerod mit Pferdefuhrwerken angefahren. Sicherlich ist später der Transport wenigstens zeitweilig durch die Kerkerbachbahn erfolgt, dann mit Lastkraftwagen. Die Backsteinmacher von Mengerskirchen, es handelte sich um Familienbetriebe, produzierten vorwiegend für den örtlichen Bedarf. Damit wurden Wohnhäuser und Scheunen errichtet, ebenso Stallungen, Anbauten und Erneuerungen an bestehenden Gebäuden wie z.B. sogenannte Brandgiebel. Auch das grosse Schwesternhaus ist mit Backsteinen aus Mengerskirchen errichtet worden, Sie wurden mitunter auch nach auswärts geliefert.

Dieses Baumaterial war verhältnismäßig billig, vor allem für die Bürger aus Mengerskirchen. Es entstanden bis auf den Kohletransport keinerlei Transportkosten. Der Transport der Backsteine von den Produktionsstätten am "Seeköppel" und an der "Strühten-Heck" wurde von den Verbrauchern in der Regel mit eigenem Kuhfuhrwerk und mit Unterstützung der Verwandten und Freunde, die ein gleiches Fuhrwerk besaßen, durchgeführt. Das war zwar umständlich und mühsam, denn vom "Seeköppel" aus konnte man wegen der unzulänglichen Wegeverhältnissen höchstens 200 Backsteine hinter 2 Kühe laden. Aus jener Zeit entstammt wohl auch die Redensart, daß ein Hausbau "einen Mann und einen Wagen kostet".

Die wenigen Mengerskirchener Backsteinmacher waren bei ihren Fachkenntnissen weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt und wurden zeitweilig auf Ziegeleien in Weilburg und Blessenbach zum Setzen der Öfen eingesetzt. Ende der 3ßer Jahre des 20. Jahrhunderts stellten sie ihre Arbeit in Mengerskirchen ein.

Der Maulwurfsfänger

Ein in gegenwärtiger Zeit merkwürdig anmutender Beruf war der des Maulwurfsfängers. Man konnte ihn erlernen, wie sich aus dem Wortlaut des nachstehenden Zeugnisses ergibt:

Obererbach ist ein Ort in der Nähe von Montabaur. Die schriftlichen Darlegungen, welche dem Zeugnis angefügt sind, zeigen, daß das Fangen von Maulwürfen nicht Hauptinhalt der Lehre war, sondern die Bearbeitung von Wiesengelände, um einen guten Grasbewuchs zu erzielen. Im Hinblick auf die landwirtschaftliche Struktur in Mengerskirchen sind die derzeitigen Bemühungen als sehr wichtig zu bewerten. Es wird empfohlen, die Wiesen zu düngen und Rat erteilt zur Düngergewinnung und -aufbereitung. Wie man sich beispielsweise die Technik der Bewässerung vorstellte, zeigt nachfolgender Wortlaut: "Zu einer vollständigen Bewäßerung hat mann Gräben nöthig.

1. Den Hauptzuleitungsgraben
2. Den Bewäßerungsgraben
3. Das Einlaßgräbchen
4. Die Rieselrinnen
5. Die Verteilungsgräbchen".

Erstaunlich ist die Gründlichkeit der Planung. Inwieweit sie damals praktiziert wurde, läßt sich nicht sagen. In späteren Jahrzehnten sind jedoch im Rahmen der Konsolidierung durch die Gemeinde Bewässerungsanlagen geschaffen worden. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg wurden zeitweilig Maulwürfe gefangen. Ihre Felle verkaufte man an Pelzhändler, die sie der Rauchwarenproduktion zuführten.

Die Lipper

In den Jahrzehnten vor dem ersten Weltkrieg gingen einige Kleinbauern aus Mengerskirchen, nachdem sie ihre eigene Heuernte eingebracht hatten, in ein kleines Dorf auf dem hohen Westerwald namens Lippe, wo sie in einem größeren landwirtschaftlichen Betrieb, der von einer Frau geführt wurde, bei der Heuernte halfen. Ihre Hauptarbeit bestand im Mähen, das zu jener Zeit noch mit der Sense erfolgte, und zwar in den frühen Morgen- und in den Abendstunden, wenn das Gras feucht war. Tagsüber mußte das Heu bearbeitet und eingefahren werden. Um diesen Arbeitsplatz zu erreichen, bedurfte es eines mehr als dreistündigen Fußmarsches. Dabei führte man mitunter auch seine eigene Sense mit. Die Erntearbeiter erhielten Verpflegung, Unterkunft und einen Tagelohn, der bei 3, -- DM gelegen haben dürfte. In der Regel blieben die Männer die ganze Heuernte über an ihrem Arbeitsort und kehrten erst nach Beendigung derselben wieder zu ihren Familien zurück.

Die Männer erfreuten sich offenbar einer hohen Wertschätzung seitens der Hofbesitzerin, denn diese hatte gewünscht, daß sie zu ihrer Beerdigung geladen würden. Einer entsprechenden Einladung folgten die Männer in der stillen Erwartung, daß sie mit einem kleinen Vermächtnis bedacht würden. Zu ihrer Enttäuschung blieb es aber nur bei der Teilnahme am "Trösterich" mit Kaffee und Kuchen.

"Die Schlacht auf dem Knoten"

Weit zurück liegt die Zeit, da die Mengerskirchner männliche Schuljugend eine Strafarbeit erhielt, die darin bestand, daß sie bis zu hundertmal den Satz schreiben mußte "Die Schlacht auf dem Knoten ist strengstens verboten". Grund hierfür war, daß die Jungen sich mit den Arbornern wieder an einem Sonntag mit Steinen beworfen hatten. Der Sedanstag, der alljährlich am 2. September aus Anlaß der Schlacht bei Sedan im Krieg 1870/71, bei der Napoleon III. gefangen genommen wurde, mit einem großen Feuer auf dem Galgenkopf gefeiert wurde, war stets ein Anlaß zu einem Gefecht mit der Arborner Jugend. Diese Vorgänge auf konfessionelle Gegensätze zurückzuführen, ist falsch. Hiergegen spricht schon die Tatsache, daß die gleichen Auseinandersetzungen mit der Winkelser, Elsoffer und Waldernbacher Jugend geführt wurden. So kam es regelmäßig zu einer Steinschlacht, wenn die Mengerskirchner Schulbuben die jungen Männer, die von der Musterung in Weilburg zurückkamen, vor Winkels abholten.

Der Verfasser glaubt zu wissen, daß im Jahre 1916 die letzte große Schlacht auf dem Knoten stattfand, bei der auch einige ältere Jugendliche "mitkämpften" und die Mengerskirchener "tief in Arborner Gebiet eindrangen".

Es waren keine schwerwiegenden Gegensätze, die zu den Reibereien der Mengerskirchener Jugend mit der der Nachbarorte führte. Man wollte die Kräfte messen. Überdies änderte sich die Situation schlagartig, als nach dem ersten Weltkrieg der Fußball sich durchsetzte. Jetzt konnte man sich im sportlichen Wettkampf messen.

Das Heiligenhäuschen

An einem schönen Maisonntag nicht lange nach Tagesanbruch hört man auf dem Waldweg von Mengerskirchen nach Dillhausen Beten und Singen. Junge Menschen sind es, einzelne Ehepaare mit Kindern, Männer und Frauen in kleinen Gruppen, die zum Heiligenhäuschen, einer alten Waldkapelle im Dillhäuser Wald, wallfahren. Es handelt sich um ein jahrhundertealtes Brauchtum, das bis in die jüngste Zeit gepflegt wird. Manche, die den Weg zum "Helljerhäusje" gingen, verbanden damit ein Anliegen, für das sie eine Wendung zum Guten erbitten wollten. So war es etwa auch bei der großen Prozession des Jahres 1943 am Fest Maria Himmelfahrt. Aus den umliegenden katholischen Gemeinden waren viele, insbesondere Frauen und Mütter, zum "Heiligenhäuschen" gekommen, um an einer Friedensandacht teilzunehmen. Doch auch frohe Ereignisse spielten sich an der Kapelle ab. So die große religiöse Veranstaltung der weiblichen Jugend der benachbarten Dekanate am 1. Mai 1946, die ebenfalls eine erhebliche Beteiligung zu verzeichnen hatte.

Mit der Wallfahrt war auch eine kleine oder grössere Spende, die dort abgelegt wurde, verbunden. Diese bestand in früherer Zeit in Naturalien, die an die Armen in Dillhausen verteilt wurden. Später spendete man Geld, das für den Kirchenneubau in Dillhausen und auch zur Renovierung und Erhaltung der Kapelle genutzt wurde.

Die Fronleichnamsprozession

Ein kirchliches Fest mit besonderem Charakter ist der Fronleichnamstag mit seiner Prozession. Von alters her ziehen die Gläubigen durch die überreich geschmückten Straßen des Ortes. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein säumten grosse frische Buchenzweige die Straßenränder, die Häuser waren beflaggt. An verschiedenen Stellen des Prozessionsweges waren Ehrenpforten aufgebaut. Jedes Haus errichtete einen kleinen Altar in der Haustüröffnung oder in einem offenen Fenster, an den Hauswänden waren Heiligenbilder angebracht. Etwa um 191o stellte die Kirchengemeinde für einige Jahre noch zusätzliche Maste auf dem Prozessionswege auf, die mit langen Fahnen versehen waren. Zwei Kuriositäten gehörten in früherer Zeit einmal zum Häuserschmuck, die allerdings interessierten die Kinder sehr und beeinträchtigten ihre "Andacht". Zum einen handelte es sich um einen Miniaturspringbrunnen, der in der Haustür eines Spenglers aufgestellt war und zum andern um ein in einem Fenster hängendes religiöses Bild, das in seinem Innern eine winzige Spieluhr barg. Vor dem 1. Weltkrieg wurden auch während einiger Jahre mit einer Lunte gezündete Böller abgeschossen, die ihren Standort an dem alten Wasserbehälter oberhalb des Friedhofes hatten. Die Böller gaben an jedem der vier Altäre bei der Segenserteilung 3 Schuß ab - wenn alles funktionierte.

Die äußeren Formen der Fronleichnamsprozession haben sich im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Es werden beispielsweise keine Bilder mehr an die Hauswände gehängt. Ebenso geht die Errichtung von Ehrenpforten zurück, weil sie einen hohen Arbeitsaufwand erfordern und auch verkehrshindernd sind. Fähnchen treten an Stelle von Laubzweigen. Dafür breitet sich ein Blumenteppich über den ganzen Weg, der u, a. aus Lupinen und Margueriten und von Farnkraut eingerahmt wird. Die geschmückten Straßen sind nach dem Ausstreuen der Blumen bis zum Ende der Prozession für den Fahrverkehr gesperrt. Der Schmuck wird übertroffen von der zahlreichen und gesammelten Teilnahme der Gemeindemitglieder an der Prozession. Das Ende derselben bilden in der Regel junge Mütter mit Kleinkindern auf dem Arm, Gehbehinderte und alte Leute. Eindringlich ist das gemeinsame Gebet und der Gesang. In den letzten Jahrzehnten wirkt auch eine Musikkapelle mit. Viermal wird es still in der Prozession, und zwar bei den 4 Altären, die über den Prozessionsweg verteilt sind und an denen jeweils der sakramentale Segen erteilt wird. Früher sang hierbei der Kirchenchor, später der Gesangverein.

Die Fronleichnamsprozession von Mengerskirchen hat in den letzten Jahren viele Zuschauer von auswärts angezogen.

POLITISCHES

Sicherheitspolizei im Flecken

Ende des Jahres 1920 wurde in Mengerskirchen eine Abteilung Sicherheitspolizei stationiert, weil dort angeblich viel Getreide "verschoben" würde. In Mengerskirchen allerdings war man der Meinung, es sei auffällig, daß vorzugsweise katholische Orte im Oberlahnkreis mit Schutzpolizei belegt würden. Was tatsächlich das Motiv für die Stationierung der Sicherheitspolizei in Mengerskirchen war, läßt sich nicht mehr nachprüfen. Das Eine wird man wohl feststellen dürfen, daß im Flecken nicht allzuviel zu verschieben war, denn die von den Bauern erzeugten Güter wurden zu einem entscheidenden Teil von der ortsansässigen Bevölkerung benötigt. Auf eine Intervention der Zentrumspartei bei dem Landrat in Weilburg hin wurde die Polizeieinheit im November - sie war im September gekommen - wieder abgezogen.

Die Separatisten

Nach dem deutschen Zusammenbruch im Jahre 1918 entwickelten sich in den besetzten Gebieten separatistische Bestrebungen, die mit französisch -belgischer Begünstigung die rheinischen Lande und die Pfalz vom deutschen Reich zu trennen suchten. Auch Teile des Oberlahnkreises schienen durch die Separatisten gefährdet, was den Landrat von Weilburg am 7. 11. 1923 zu folgender Verfügung veranlasste: "Nach zuverlässigen Nachrichten ist es nicht ausgeschlossen, daß separatistische Banden in den nächsten Tagen einen Vorstoß in die Randkreise der besetzten Gebiete unternehmen, um die Kassen zu berauben und auch die rheinische Republik auch ausserhalb des besetzten Gebietes zu verkünden". Bei der Treue zur Verfassung und dem Staat bestand für Mengerkirchen diesbezüglich keine Gefahr, während in dem Nachbarort Niedershausen die separatistische Bewegung Anhänger gehabt haben soll.